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  1. Sektion für Landwirtschaft

Klimaresiliente Landwirtschaft

Erstellt von Martin Quantin | 22.07.2026 |   Forschung
Wie sind widerstandsfähige Agrarökosysteme möglich?

Der Juni 2026 war in Westeuropa der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und weltweit der zweitwärmste. Der Klimawandel ist längst Realität und macht sich von Jahr zu Jahr deutlicher bemerkbar – mit erheblichen, teilweise verheerenden Folgen für die Landwirtschaft. Weltweit nehmen Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse zu. In Europa gehen Hitzewellen mit Temperaturen von über 40°C häufig mit langanhaltenden Dürreperioden einher. Andernorts führen Starkregen zu Überschwemmungen und Erdrutschen. Diese Extremereignisse belasten Böden, Kulturen und Nutztiere erheblich. Unabhängig von Kontinent oder Produktionssystem stehen heute alle Landwirt:innen vor derselben Frage: Wie können landwirtschaftliche Betriebe widerstandsfähiger gegenüber klimabedingten Risiken werden?

Praxisbeobachtungen und eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Studien zeigen, dass Ansätze aus der Agroökologie, dem ökologischen Landbau und der biodynamischen Landwirtschaft dazu beitragen können, die Auswirkungen dieser Veränderungen abzumildern (Altieri et al., 2015; Santoni et al., 2022; Rigolot & Quantin, 2022). Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie nicht die kurzfristige Maximierung der Erträge in den Mittelpunkt stellen, sondern die Resilienz landwirtschaftlicher Ökosysteme. Gemeint ist damit die Fähigkeit eines Agrarökosystems, trotz Störungen, Unsicherheiten und klimatischer Schwankungen seine Funktionsfähigkeit zu erhalten.

Vielfältige Betriebssysteme

Ein erster Schlüssel zur Resilienz liegt in der Diversifizierung landwirtschaftlicher Systeme. Die Kombination von Ackerbau, Tierhaltung, Obstbau, Gemüsebau und naturnahen Elementen wie Hecken, Wiesen, Teichen oder Feldgehölzen fördert vielfältige Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Bestandteilen des Betriebes.

Bäume spenden empfindlichen Kulturen und Nutztieren Schatten und mindern gleichzeitig die austrocknende Wirkung des Windes. Ihre Wurzeln erschließen unterschiedliche Bodenschichten und verbessern so die Wasserspeicherung und Stabilität des Bodens. Verschiedene Kulturpflanzen reagieren zudem unterschiedlich auf Wetterextreme. Ihre Vielfalt verringert das Risiko gleichzeitiger Ernteausfälle und verteilt die Produktion über einen längeren Zeitraum.

Dieser Ansatz entspricht sowohl dem biodynamischen Leitbild des landwirtschaftlichen Organismus als auch den Prinzipien der Agroforstwirtschaft, der Permakultur und der syntropischen Landwirtschaft, die darauf abzielen, komplexe, sich selbst tragende und widerstandsfähige Agrarökosysteme wiederherzustellen (Jacobi et al., 2025).

Neben der Verringerung von Risiken erzeugen vielfältige Systeme in der Regel mehr Biomasse und fördern die Speicherung von Kohlenstoff im Boden. Die Anreicherung organischer Substanz verbessert schrittweise die Bodenstruktur, erhöht die Wasseraufnahme- und Wasserspeicherfähigkeit und trägt dazu bei, die Oberböden kühler zu halten. All dies sind entscheidende Eigenschaften, um Dürreperioden und Hitzewellen besser zu überstehen.

Humusreiche Böden speichern Wasser und sichern die Bodenfruchtbarkeit

Ein zweiter Schlüssel zur Resilienz liegt unter unseren Füßen: Humus spielt eine zentrale Rolle für die Funktionsfähigkeit des Bodens – nicht nur als Kohlenstoffspeicher, sondern auch als Strukturgeber.

Neuere Arbeiten von Alessandro Piccolo zeigen, dass sich humifizierte organische Verbindungen eng mit mineralischen Bodenpartikeln verbinden und besonders stabile organisch-mineralische Komplexe bilden (Piccolo & Drosos, 2025). Dadurch entstehen stabile Bodenaggregate, die Erosion entgegenwirken, sowie ein poröses Gefüge, das Wasser effizient speichern und im Boden verteilen kann. Fruchtbarer, biologisch aktiver Humus entwickelt sich vor allem in lebendigen Böden mit einer reichen Mikroorganismenwelt. Denn hochwertige Humusbildung ist das Ergebnis mikrobieller Prozesse. Es geht also nicht allein darum, abgestorbenen Kohlenstoff im Boden anzureichern – dies kann aus agronomischer Sicht sogar nachteilig sein.

Humus wirkt daher wie ein natürlicher Wasserregulator. Er verbessert die Versickerung von Niederschlägen, reduziert Oberflächenabfluss und erhöht die pflanzenverfügbare Wassermenge in Trockenzeiten. Gleichzeitig trägt er zur physikalischen, chemischen und biologischen Fruchtbarkeit des Bodens bei. Er verbessert die Nährstoffverfügbarkeit, fördert durch hormonähnliche Effekte das Wurzelwachstum und beeinflusst die mikrobielle Gemeinschaft im Wurzelraum positiv. Dadurch entstehen günstigere Bedingungen für das Pflanzenwachstum – selbst unter zunehmend schwierigen klimatischen Bedingungen.

Die biodynamischen Präparate, insbesondere Hornmist (500 und 500P) sowie die Kompostpräparate (502 bis 507), tragen dazu bei, die mikrobielle Aktivität im Boden anzuregen und den Aufbau organischer Substanz in Form von Humus zu fördern. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen zunehmend die Erfahrungen vieler Landwirt:innen, wonach biodynamische Bewirtschaftung die Widerstandskraft und Vitalität der Böden insbesondere in schwierigen Jahren stärkt. Entsprechende Ergebnisse liegen unter anderem aus Frankreich (Zappellini et al., 2025), der Schweiz (Krause et al., 2022), Italien (Mazzei et al., 2024), Deutschland (Milke et al., 2024), Ägypten (Harm, 2025) sowie weiteren Regionen vor (Christel et al., 2021; Santoni et al., 2022).

Natürliche Widerstandskraft der Pflanzen?

Vielfältige Agrarökosysteme und fruchtbare, humusreiche Böden bilden eine solide Grundlage für widerstandsfähige Kulturen. Ein weiterer Schritt wäre erreicht, wenn die Pflanzen selbst ihre Fähigkeit verbessern, sich an die unterschiedlichen Belastungen des Klimawandels anzupassen – etwa an Hitze, Trockenheit, Salzstress oder Krankheiten.

Im Weinbau konnten französische Forschende zeigen, dass Reben je nach Bewirtschaftungsweise unterschiedlich auf Klimastress und Krankheitserreger reagieren. Biodynamisch bewirtschaftete Reben zeigten eine größere Anpassungsfähigkeit ihrer physiologischen Reaktionen als konventionell bewirtschaftete Pflanzen (Soustre-Gacougnolle et al., 2018).

Zu den Faktoren, die an diesen Mechanismen beteiligt sein könnten, zählt insbesondere das Hornkieselpräparat (501), das derzeit Gegenstand intensiver Forschung ist. Neuere Studien weisen darauf hin, dass es die physiologische Aktivität der Blätter beeinflussen kann, insbesondere die Photosynthese sowie verschiedene Mechanismen der Stressreaktion (Pettinelli et al., 2023). Darüber hinaus zeigt die Forschung, dass Silizium die Pflanzengewebe stärkt und verschiedene natürliche Abwehrmechanismen aktiviert (Collins et al., 2024). Welche spezifische Rolle das Präparat 501 dabei spielt, wird derzeit weiter untersucht.

Kein einzelnes biodynamisches Präparat stellt für sich allein eine Lösung für die Herausforderungen des Klimawandels dar. Entscheidend ist vielmehr die Stimmigkeit des gesamten Betriebssystems. Erst das Zusammenwirken verschiedener Maßnahmen stärkt langfristig die Fähigkeit von Böden und Pflanzen, mit Störungen umzugehen. Gleichzeitig gilt: Auch resilienzfördernde Bewirtschaftungsformen stoßen an Grenzen, wenn klimatische Extremereignisse ein bestimmtes Ausmaß überschreiten. Deshalb müssen Resilienz und Solidarität immer auch auf gesellschaftlicher Ebene gedacht werden.

Antworten auf den Klimawandel erfordern ganzheitliche und langfristige Strategien (Altieri et al., 2015). Sie beruhen auf agronomischen Praktiken, die lebendige Böden fördern, vielfältige Produktionssysteme entwickeln und Kulturpflanzen stärken, damit diese sich besser an unvorhersehbare Umweltbedingungen anpassen können. Zugleich braucht es gemeinsames Handeln: Die Verantwortung für diesen Wandel kann nicht allein den Landwirt:innen übertragen werden.

Forschung, Bildung, Politik, Wirtschaft, Verbraucher:innen sowie die gesamte Gesellschaft tragen Verantwortung für die Entwicklung einer resilienten Agroökologie, die auch unter unsicheren Bedingungen eine gesunde Ernährung ermöglicht. Die Herausforderungen unserer Zeit verlangen nicht nur nach technischen Lösungen, sondern auch nach mehr Zusammenarbeit, Solidarität und Menschlichkeit.

 

Literaturverzeichnis

Altieri, M. A., Nicholls, C. I., Henao, A., & Lana, M. A. (2015). Agroecology and the design of climate change-resilient farming systems. Agronomy for Sustainable Development, 35, 869–890. https://doi.org/10.1007/s13593-015-0285-2

Christel, A., Maron, P.-A., & Ranjard, L. (2021). Impact of farming systems on soil ecological quality: A meta-analysis. Environmental Chemistry Letters, 19, 4603–4625. https://doi.org/10.1007/s10311-021-01302-y

Collins, C., Bloomfield, S., Hansen, L., & Gilliham, M. (2024). Can silica application enhance vine performance and quality? OENO One, 58(4). https://doi.org/10.20870/oeno-one.2024.58.4.8192

Harm, J. (2025). Egyptian Biodynamic Association — How can an economy of love, inspired by SEKEM, contribute to systemic change? In J. Kronenberg & E. T. Lammerts van Bueren (Eds.), On the Earth We Want to Live (World Sustainability Series). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-031-98758-8_22

Jacobi, J., Andres, C., Assaad, F., et al. (2025). Syntropic farming systems for reconciling productivity, ecosystem functions, and restoration. The Lancet Planetary Health, 9, e314–e325.

Krause, H. M., Stehle, B., Mayer, J., et al. (2022). Biological soil quality and soil organic carbon change in biodynamic, organic, and conventional farming systems after 42 years. Agronomy for Sustainable Development, 42, 117. https://doi.org/10.1007/s13593-022-00843-y

Mazzei, P., Sica, A., Migliaro, C., et al. (2024). MRI and HR-MAS NMR spectroscopy to correlate structural characteristics and the metabolome of Fiano and Pallagrello grapes with the action of field spray preparation 500 and the soil spatial microvariability. Chemical and Biological Technologies in Agriculture, 11, 131. https://doi.org/10.1186/s40538-024-00620-x

Milke, F., Rodas-Gaitan, H., Meissner, G., Masson, V., Oltmanns, M., Möller, M., Wohlfahrt, Y., Kulig, B., Acedo, A., Athmann, M., & Fritz, J. (2024). Enrichment of putative plant growth-promoting microorganisms in biodynamic compared with organic agriculture soils. ISME Communications, 4(1), ycae021. https://doi.org/10.1093/ismeco/ycae021

Pettinelli, S., Buzzi, L., Ceccantoni, B., et al. (2023). Does biodynamic preparation 501 influence the physiological activity of grape leaves of the Cesanese d’Affile cultivar? Chemical and Biological Technologies in Agriculture, 10, 114. https://doi.org/10.1186/s40538-023-00492-7

Piccolo, A., & Drosos, M. (2025). The essential role of humified organic matter in preserving soil health. Chemical and Biological Technologies in Agriculture, 12, 21. https://doi.org/10.1186/s40538-025-00730-0

Rigolot, C., & Quantin, M. (2022). Biodynamic farming as a resource for sustainability transformations: Potential and challenges. Agricultural Systems, 200, 103424. https://doi.org/10.1016/j.agsy.2022.103424

Santoni, M., Ferretti, L., Migliorini, P., Vazzana, C., & Pacini, G. C. (2022). A review of scientific research on biodynamic agriculture. Organic Agriculture, 12, 373–396. https://doi.org/10.1007/s13165-022-00394-2

Soustre-Gacougnolle, I., Lollier, M., Schmitt, C., et al. (2018). Responses to climatic and pathogen threats differ in biodynamic and conventional vines. Scientific Reports, 8, 16857. https://doi.org/10.1038/s41598-018-35305-7

Zappellini, C., Dequiedt, S., Tripied, J., Horrigue, W., Barré, P., Masson, V., Madouas, M., Mathé, A., Gervais, J.-P., Terrat, S., Maron, P.-A., & Ranjard, L. (2025). Ecological impact of conventional, organic, and biodynamic viticultural systems and associated practices on soil microbiota in different French regions. Agriculture, Ecosystems & Environment, 392, 109748. https://doi.org/10.1016/j.agee.2025.109748

Photo: Gaudenz Hurter
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