Nur drei Nutzpflanzen (Reis, Mais und Weizen) machen weltweit mehr als 50 % der Kalorien in der Ernährung aus. Sie werden als Monokulturen im agroindustriellen Maßstab angebaut. Das verarmt Böden und Landschaften, und die Artenvielfalt leidet darunter. Treten Schädlinge auf, ist schnell der gesamte Bestand betroffen, und es braucht immer mehr Pestizide. Die Pflanzen selbst verlieren ihre Vitalität. Eine weite Landschaft mit nur Mais- oder Weizenanbau ist keine Augenweide und der Spaziergang durch eine solche Natur ist keine Erfrischung. Diese Einseitigkeit schadet nicht nur dem Klima, sondern auch der Widerstandsfähigkeit der Ernährungssysteme.
Auf dieser Basis wird die Ernährung einseitiger und folglich wird die Gesundheit der Menschen geschwächt. Denn der Mangel an Vielfalt in der Ernährung führt zu einem wenig vielfältigen Mikrobiom und zur Anfälligkeit gegenüber ernährungsbedingten Zivilisationserkrankungen. Ganz zu schweigen von der ausbleibenden Anregung der Sinne und des Genusses, wie es bei abwechslungsreichen, bunten und aromareichen Mahlzeiten der Fall ist.
Trotzdem sind Monokulturen auf dem Vormarsch. Täglich wird Urwald gerodet für den Sojaanbau der Agroindustrie, um Futtermittel für die Fleischproduktion zu liefern. Der Fleischkonsum steigt weltweit an. In Industrienationen verharrt er auf einem hohen Niveau, in ärmeren Ländern steigt er dagegen meist mit wachsendem Einkommen. Sobald Menschen die Armut überwinden, verändern sie ihre Ernährung, weg von kohlenhydrathaltigen Grundnahrungsmitteln und vom Gemüse aus dem eigenen Garten hin zu tierischen Produkten. Fleischgenuss gilt als erstrebenswert und Fleisch als hochwertiges Gut. Ein weiterer Treiber ist die Urbanisierung. Stadtbewohner:innen tendieren dazu, mehr verarbeitetes Fleisch und Fastfood zu konsumieren als die Landbevölkerung, was den Absatz weltweit weiter ankurbelt, da immer mehr Menschen in Megacitys ziehen.[1] Dabei ist klar, dass für die planetare Zukunft der Fleischkonsum deutlich reduziert werden müsste.
Diese Entwicklung führt zu zunehmender Entfremdung von den Lebensmitteln und von ihrer Erzeugung. Das reicht bis hin zur Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Die Folgen werden nicht beachtet. Neuerdings wird sogar das Interesse an nachhaltigem Konsum und damit an nachhaltiger Ernährung und Verantwortung für den Planeten weniger. Bei einer Erhebung in Deutschland wurde gefragt, ob man aus Gründen der Nachhaltigkeit zum Verzicht auf Wohlstand bereit sei. Die Bereitschaft dazu sank signifikant innerhalb von zwei Jahren von 48,3% der Befragten im Jahr 2023 auf 30,2% im Jahr 2025.[2]
Der Fokus liegt auf dem eigenen Genuss als Ausdruck der Individualität und des gesellschaftlichen Status. Ich kann tun, was ich will, und essen, was mir schmeckt. Dieses Verständnis von Freiheit, die man sich nimmt, weil man es kann, führt zum Rückzug in den Egoismus auf Kosten andrer. Den vielfältigen Krisen, die derzeit herrschen, begegnet man mit Vereinzelung. Auf der politischen Ebene bedeutet das eine Verstärkung des Nationalismus. Der Gegenentwurf wäre, Gemeinschaften zu bilden, die stark und resilient sind, weil unterschiedliche Fähigkeiten im Sinne eines großen Ganzen vereint sind und jede:r einen Beitrag zum Ganzen leisten kann und will.
In der Philosophie der Freiheit beschreibt Rudolf Steiner den «Ethischen Individualismus» als Ideal der individuellen Freiheit.[3] Damit ist gemeint, dass man sich aus freien Stücken, unabhängig von Erwartungen oder Vorstellungen für Dinge und Taten entscheidet, die in erster Linie dem Wohl der Gemeinschaft dienen. Als Motivation zur Handlung ist das «größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit» beschrieben. So dient man nicht ausschließlich dem eigenen Ego, sondern fördert die gemeinsame Entwicklung und Lebensgrundlage.
Eine Gemeinschaft ist wie ein Organismus, der verschiedene Organe hat. Sie haben jeweils ihre eigene Aufgabe und erfüllen diese eigenständig, aber stets im Zusammenklang mit den anderen Organen. Gemeinsam dienen sie dem Organismus, der sich durch eine Hülle von der Außenwelt abgrenzt und somit eine Entität bildet. Die Organe müssen gesund, stark und vital sein, damit sie dem Ganzen am besten dienen können. So ist es auch in Gemeinschaften. Die Individuen leisten jeweils ihren eigenen Beitrag. Je stärker und eigenständiger sie sind, desto mehr profitiert die Gemeinschaft.
So beginnt der erste Schritt zu einer zukunftsfähigen Gemeinschaft bei jeder und jedem selbst. Jede:r kann sich entwickeln, der eigenen Bestimmung folgen und sich authentisch für eine Gemeinschaft einsetzen. Die Zusammenarbeit im Team ist geprägt von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt dem Beitrag der anderen gegenüber. Dazu sind eine bewusste individuelle seelisch-geistige Schulung und soziale Skills nötig. Individuelle Fähigkeiten auszubilden ist die Voraussetzung, fruchtbar in der Gemeinschaft zu wirken, die von Vertrauen geprägt ist. Die Balance zwischen Verbundenheit und Loslassen gelingt besonders dann, wenn es einerseits eine gemeinsame Vision gibt, hinter der alle stehen. Und andererseits, wenn jede:r über ein starkes Selbstbewusstsein verfügt und dem eigenen Weg folgt. Teil einer solchen vielfältigen, starken und widerstandsfähigen Gemeinschaft zu sein, macht Spaß und stimmt optimistisch.
Wann ist Entwicklung interessant? Wenn alle einer Meinung sind? Wenn immer alles harmonisch und einvernehmlich entschieden wird? Wenn alle dasselbe denken? Wenn alle gleich sind? Das ist langweilig, es braucht die Reibung, die Begegnung mit dem Anderssein, auch hin und wieder den Konflikt und die Krise, damit sich etwas bewegt. Anregung und Spannung treiben an. Dazu sind starke Individualitäten nötig, die echt und guten Willens sind.
Hier gibt es eine Parallele zur Ernährung. Am meisten werden unsere Sinne und der Genuss angeregt, wenn die Speisen schön aussehen, liebevoll zubereitet sind und vielfältige Aromen enthalten, je mehr sie etwas Eigenes darstellen. Wenn die einzelnen Lebensmittel, die wir verzehren, seien es Karotten, Linsen oder Brot ihr typisches Aroma ausgebildet haben, wenn sie echt und authentisch sind, dann regen sie wirklich an und nähren. Das ist der Sinn der Ernährung. Biodynamische Lebensmittel haben das Potenzial dazu.
Im Zusammenhang mit hochverarbeiteten Lebensmitteln wird in letzter Zeit über die mangelnde Struktur gesprochen, die diese Lebensmittel haben. Die Struktur eines echten Lebensmittels bringt ernährungsphysiologisch die Eigenschaft mit, dass Nährstoffe aufgeschlossen werden müssen und nach und nach verfügbar sind. So kann sich der Organismus in der Verdauung stetig damit auseinandersetzen. Bei den hochverarbeiteten, industriellen Lebensmitteln fehlt Struktur, und zum Beispiel Zucker und Kohlenhydrate sind sofort verfügbar. Sie verursachen einen Peak im Blut. Auf den starken Anstieg des Blutzuckerspiegels folgt ein rascher Abfall – dadurch stellt sich schon kurz nach dem Verzehr erneut Hunger ein. Die schnellen Konzentrationsänderungen belasten den Organismus. Gleichzeitig nimmt weltweit das Vorkommen von Übergewicht und Adipositas zu.
Generell regt die Struktur eines Lebensmittels beim Verzehr und in der Verdauung an, sich damit auseinanderzusetzen. Man begegnet der Außenwelt in der Ernährung. Und wenn die Außenwelt einen gewissen Widerstand bietet, ist sie interessant und man erfährt Anregung. Das fördert die Willenskraft, die benötigt wird, Ideen in die Tat umzusetzen und als starke Individualität für eine zukunftsfähige Gemeinschaft einzustehen.
[1]https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/landwirtschaft/tierhaltung/fleischkonsum-deutschland-geht-zurueck, eingesehen 20.02.2026
[2] Kortum, Carsten/Rüschen, Stephan (2025): Attitude-Behavior-Gap im LEH (Entwicklung 2021–2025),
Whitepaper Nr. 57 der DHBW Heilbronn, URL: handel-dhbw.de/schriftenreihe/
whitepaper/attitude-behavior-gap-im-leh-eine-empirische-analyse-und-handlungsempfehlungenentwicklung-
2021-bis-2025/
[3] Steiner, Rudolf (2021): Philosophie der Freiheit, Rudolf Steiner Verlag, 17. Auflage, 9. Kapitel
