Ein Action-Research-Projekt
Wie lässt sich das biodynamische Prinzip des landwirtschaftlichen Organismus mit Agroforstwirtschaft in der kleinbäuerlichen Subsistenzwirtschaft des globalen Südens verbinden? Dieser Frage geht die Sektion für Landwirtschaft in einem neuen Action-Research-Projekt nach. Gemeinsam mit der LIMBUA Group in Kenia und der SEKEM Group in Ägypten wird untersucht, wie biodynamische Landwirtschaft und Agroforstwirtschaft zu einer resilienten, produktiven und standortangepassten Landwirtschaftspraxis verbunden werden können.
Die Biodynamik hat in den vergangenen hundert Jahren vor allem auf mittelgrossen, gemischten Landwirtschaftsbetrieben in den gemäßigten Klimazonen wertvolle Erfahrungen gesammelt. Doch andere landwirtschaftliche Realitäten stellen neue Fragen: Wie kann das Prinzip des landwirtschaftlichen Organismus auf kleinste Flächen mit intensiver Subsistenzwirtschaft umgesetzt werden? Und wie können Bäume, Sträucher, Nutztiere und Jahreskulturen so zusammenspielen, dass ökologische und wirtschaftliche Resilienz entsteht?
Agroforstwirtschaft eröffnet hierfür einen vielversprechenden Weg. Auf kleiner Fläche lassen sich verschiedene Pflanzen in mehreren Etagen miteinander verbinden. Bäume und Sträucher bilden dabei nicht nur zusätzliche Ertragsquellen, sondern schaffen Lebensräume, schützen den Boden und können wesentlich zur Stabilität des gesamten Systems beitragen. Die horizontale Vielfalt eines Landwirtschaftsbetriebs wird durch eine vertikale Integration ergänzt – der landwirtschaftliche Organismus wird komplexer und dichter.
Gemeinsam handeln und forschen: Action Research
Im Zentrum des Projekts steht die Praxis. Nicht allein Messwerte sollen zeigen, was sich durch die biodynamische Agroforstwirtschaft verändert. Ebenso wichtig sind die Erfahrungen der Bäuerinnen und Bauern: Was beobachten sie? Wie verändert sich der Boden? Wie entwickeln sich Pflanzen und Erträge? Und was verändert sich im Alltag und in den Perspektiven der Menschen?
In einem Action-Research-Ansatz werden deshalb Beobachtungen, Interviews und agronomische Erhebungen miteinander verbunden. Die Landwirt:innen sind aktive Partner:innen im Forschungsprozess. Gemeinsam mit den Teams vor Ort soll Wissen entstehen, das unmittelbar in die Praxis zurückfliesst. In Kenia geschieht dies in Zusammenarbeit mit der Limbua Group, in Ägypten mit der Sekem Group. Langfristig soll ein Ansatz entwickelt werden, der zur Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen und kleinbäuerliche Gemeinschaften im globalen Süden stärken kann.
Fachstelle in Ägypten gegründet
Eine wichtige Rolle übernimmt dabei das an der Heliopolis University for Sustainable Development in Kairo eingerichtete «Associated Office of the Section for Agriculture at the Goethenaum, Egypt». Die geografische Nähe zu den Versuchs- und Praxisflächen der SEKEM Group ermöglicht einen direkten Austausch.
Die Fachstelle ist ein Knowledge-Hub für biodynamische Agroforstwirtschaft. Sie vernetzt Fachleute, Forschende und Praxispartner:innen, sammelt Erfahrungen, entwickelt Schulungsangebote und macht die gewonnenen Erkenntnisse innerhalb der biodynamischen Bewegung und darüber hinaus zugänglich. Geleitet wird sie von MSc Fatma Absorama, die bereits seit acht Jahren an der Heliopolis Universität arbeitet und ihre Arbeit mit ihrer laufenden Promotion verbindet. In der Schweiz co-leitet BSc Gaudenz Hurter, Agronom und biodynamischer Praktiker, das Projekt «Biodynamics meets Agroforestry».
Den landwirtschaftlichen Organismus neu denken
Das Projekt ist damit auch ein Entwicklungsprozess. Es geht darum, das bewährte biodynamische Prinzip des landwirtschaftlichen Organismus unter anderen klimatischen, kulturellen und sozialen Bedingungen neu zu denken. Die Verbindung von Biodynamik und Agroforstwirtschaft könnte dafür einen wichtigen Schlüssel bilden.
Bis 2030 soll evaluiert werden, welche Formen einer baumbasierten biodynamischen Landwirtschaft sich in der kleinbäuerlichen Subsistenzwirtschaft bewähren – und welchen Beitrag sie zu Klimaresilienz, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Ernährungssicherheit, Einkommen und Lebensqualität leisten können.
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