Seit 45 Jahren läuft der DOK-Feldversuch im schweizerischen Therwil – und liefert Antworten, die für die Zukunft der Landwirtschaft entscheidend sind. Im Gespräch mit Lukas Maschek erklärt Versuchsleiter Hans-Martin Krause, warum Geduld in der Agrarforschung unverzichtbar ist, wie biodynamische Landwirtschaft den weltweiten Trend sinkender Bodenfruchtbarkeit umkehrt und weshalb lebendige Böden die beste Versicherung gegen Klimastress darstellen.
Lukas Maschek: Der DOK-Feldversuch gilt weltweit als eine der wichtigsten Langzeitstudien zum ökologischen Landbau. Was unterscheidet ihn von anderen Forschungsprojekten?
Hans-Martin Krause: Das Besondere ist seine Entstehungsgeschichte: Der Versuch wurde in den 1970er-Jahren nicht von Behörden oder Universitäten angestoßen, sondern von Landwirt:innen selbst. Es war eine Bottom-up-Bewegung. Die Initiator:innen wollten wissen, wie sich unterschiedliche Bewirtschaftungsweisen langfristig auf Boden, Ertrag und Ökosystem auswirken. Deshalb vergleichen wir seither biodynamische, biologisch-organische und konventionelle Anbauparzellen – mit einer ungedüngten und einer mineralisch gedüngten Kontrollgruppe.
Du sprichst von «langfristig». Wie lange hat es gedauert, bis sich erste Unterschiede zeigten?
Deutlich länger, als viele vermuten. 22 Jahre Beobachtung war nötig, bevor sich bei gleicher Düngungsintensität signifikante Unterschiede im organischen Kohlenstoffgehalt des Bodens feststellen liessen. Das ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie langsam Bodensysteme auf unterschiedliche landwirtschaftliche Praxis reagieren und wie wichtig Geduld in der Agrarforschung ist. Kurzfristige Studien hätten diese Effekte nie sichtbar gemacht.
Was ist das deutlichste Ergebnis, das sich durch den Vergleich der drei Anbauvarianten ergab?
Am beeindruckendsten ist der Befund, dass die biodynamische Variante, bei der wir Mist und Kompost einsetzen, einen klaren Anstieg des Kohlenstoffgehalts im Boden zeigt, also eine Zunahme der Bodenfruchtbarkeit. Weltweit sehen wir sonst den gegenteiligen Trend: Ackerböden verlieren über die Jahre an Fruchtbarkeit und damit an Qualität. Dass wir durch gezielte landwirtschaftliche Praktiken diese Entwicklung umkehren können, ist ermutigend – nicht nur für den Standort Schweiz, sondern für die globale Landwirtschaft.
Wie wirkt sich die biodynamische Praxis auf die Bodenqualität aus?
Bodenqualität lässt sich nicht auf einen einzelnen Wert reduzieren. Entscheidend ist die biologische Aktivität. In den biodynamischen Parzellen messen wir die höchste mikrobielle Biomasse, den höchsten Gehalt an organischem Kohlenstoff und eine größere Artenvielfalt – vom Bodenmikroben bis hin zur Anzahl und Vielfalt an Insekten. Solche aktiven Böden sind widerstandsfähiger gegenüber Stress und sichern eine langfristig stabile Produktion.
Konventionelle Systeme sind in der Regel ertragsstärker. Wie ordnest du das Spannungsfeld zwischen Ertrag und ökologischer Qualität ein?
Es ist ein klassischer Zielkonflikt. Konventionelle Systeme liefern kurzfristig höhere Erträge und sind für viele Betriebe ökonomisch attraktiv. Die ökologischen Systeme bringen dagegen klare Vorteile für die Bodenqualität, die Biodiversität und den Klimaschutz – letzteres, weil sie geringere bodengebundene Treibhausgasemissionen verursachen. Die große Aufgabe der nächsten Jahre besteht darin, diese ökologischen Leistungen finanziell zu honorieren. Wenn sie Landwirt:innen Geld einbringen, entsteht ein echter Anreiz für nachhaltigere Bewirtschaftung.
Was bedeutet das konkret für politische Entscheidungen?
Wir brauchen Instrumente, die Ökosystemleistungen entlohnen. In der Schweiz geschieht dies bereits, beispielsweise wenn ein:e Landwirt:in auf IP, Bio oder Demeter umstellt. Denkbar sind Zahlungen für nachweislich gesteigerte Bodenfruchtbarkeit oder für die Förderung bestimmter Arten. Nur wenn solche Leistungen im Betriebsmodell abgebildet werden, können wir eine ökologischere Lebensmittelproduktion auf breiter Basis umsetzen.
Wie schätzt du die Bedeutung des DOK-Versuchs für die Zukunft ein? Was sind die anstehenden Fragen?
Die Anpassung an den Klimawandel ist eines der dringendsten Themen. Wir beobachten bereits deutlich extremere Jahre: 2023 war außergewöhnlich trocken, 2024 dagegen sehr nass. Diese Extreme setzen alle Anbausysteme unter Druck. Unsere Daten der nächsten Jahrzehnte werden zeigen, welche Bewirtschaftungsformen am besten mit solchen Schwankungen umgehen können. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass die ökologischen Systeme – dank höherer organischer Substanz und besserer Bodenstruktur – Wasser länger speichern und zumindest moderate Hitzeperioden besser überstehen können.
Ein vielfältiges Bodenmikrobiom wirkt wie ein Puffer. Es stabilisiert den Nährstoffkreislauf, verbessert die Wasserspeicherung und fördert die Resilienz gegenüber Krankheiten. Diese «biologische Versicherung» können wir nicht künstlich ersetzen. Deshalb ist der Erhalt eines lebendigen Bodens eine der wichtigsten Strategien gegen Klimastress.
Was wünschst du dir persönlich für die Zukunft der Landwirtschaft?
Wenn wir es schaffen, ökologische und ökonomische Ziele zu verbinden, können wir die Landwirtschaft klimafest und zukunftssicher gestalten.
Interview in der neusten Ausgabe unseres Magazins Living Farms
