Immer mehr Forschungsergebnisse zeigen, wie eng die Mikroorganismen von Boden, Pflanzen und Menschen miteinander zusammenhängen, was Thema eines vorangegangenen Artikels (siehe «One Health»: Wie das Mikrobiom von Boden, Pflanzen und menschlichem Darm zusammenhängt, Teil I) war. Hier werden nun konkrete Wechselwirkungen beschrieben. Zum Beispiel kann Naturkontakt bereits im Kindesalter die mikrobielle Vielfalt im Darm positiv beeinflussen. Dabei ist das Aufwachsen in ländlicher Umgebung wie auch das Spielen in Naturkindertagesstätten förderlich. Eine Studie von 2025 zeigt einen solchen Effekt auch bei Erwachsenen, wo schon kurze Aufenthalte auf Grünflächen die Darmmikrobiota positiv beeinflussten. Auch die Art der Erzeugung der Lebensmittel spielt eine Rolle. Das bestätigt eine Studie, die das Mikrobiom von biodynamisch erzeugten Äpfeln mit konventionell angebauten Früchten vergleicht. Wie die Mikroorganismen miteinander interagieren, ist hochkomplex, doch eines wird immer deutlicher: Gesundheit ist ein Zusammenspiel, bei dem alle beteiligt sind – «One Health».
Das Mikrobiom von Boden, Pflanzen und menschlichen Darm hängt zusammen und agiert auf hochkomplexe Weise – das zeigt eine Übersichtsarbeit von Ma et al. (2025), (siehe «One Health»: Wie das Mikrobiom von Boden, Pflanzen und menschlichem Darm zusammenhängt, Teil I) [1]. Dabei wird deutlich, dass nicht nur die Nahrung die Darmmikrobiota beeinflusst, sondern auch die Umgebung, in der man sich aufhält. Bereits bekannt ist der «Bauernhof-Effekt»: Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, entwickeln tendenziell seltener Allergien als Kinder aus städtischen Gebieten [2]. Eine finnische Studie zeigt darüber hinaus, dass auch die Kindergartenumgebung einen Einfluss hat: Spielen Kinder vermehrt auf Waldboden und auf Rasenflächen, weisen sie im Vergleich zu Kindern aus städtischen Kindertagesstätten ohne Naturkontakt eine vielfältigere Mikrobiota auf. Diese erhöhte Vielfalt geht mit einem vermehrten Vorkommen von Bakterien einher, die das Immunsystem unterstützen und so zur Vorbeugung von Allergien beitragen können [3]. Ob dieser Zusammenhang auch bei Erwachsenen besteht, wurde bislang deutlich seltener untersucht. Vor diesem Hintergrund analysierten Forschende in einer randomisierten Studie in China, wie sich der Aufenthalt in städtischen Grünflächen auf das Mikrobiom von Erwachsenen auswirkt [4].
An der Studie nahmen insgesamt 30 gesunde, erwachsene Proband:innen teil, die in drei Gruppen unterteilt wurden: die erste Gruppe hielt sich auf Grünflächen im Freien auf (green space, GS), die zweite Gruppe in einem nicht begrünten Außenbereich (non-green space, NGS) und die dritte Gruppe verbrachte die Zeit in Innenräumen (Indoor-Gruppe). Die Proband:innen erhielten die Anweisung, sich an sieben aufeinanderfolgenden Tagen täglich zwei Stunden in ihrer jeweils zugewiesenen Umgebung aufzuhalten. Der Park der GS-Gruppe verfügte über eine große Vielfalt von Pflanzenarten, darunter Bäume, Sträucher und Gräser. Die Teilnehmenden der NGS-Gruppe hielten sich in einem offenen Außenbereich in der Nähe von Einkaufsstraßen auf. Die Indoor-Gruppe verbrachte die zwei Stunden in einem Unterrichtsraum einer Universität. Vor und nach der Intervention entnahmen die Forschenden Stuhl- und Speichelproben zur Analyse der Mikrobiota. Alle Proband:innen waren angehalten, sich ausgewogen zu ernähren.
Zu Beginn der Studie war die durchschnittliche Vielfalt der Darmmikrobiota in allen drei Gruppen vergleichbar. Nach der Intervention zeigte die GreenSpace-Gruppe eine signifikant erhöhte mikrobielle Vielfalt (p < 0,05). Auch konnten in den Stuhlproben vermehrt gesundheitsförderliche Bakterien wie Lactobacillus-Bakterien nachgewiesen werden. In der NonGreenSpace-Gruppe, die sich in städtischer Umgebung aufhielt, hingegen wurde ein Rückgang der mikrobiellen Vielfalt beobachtet. Die Untersuchung der Stuhlproben der Indoor-Gruppe zeigte kaum Veränderungen. Die Darmmikrobiota kann sich offenbar schnell und nachweisbar verändern.
Ein Aufenthalt im Park ist häufig auch mit Stressreduktion verbunden. Weniger Stress kann die Darmfunktion beeinflussen und dadurch Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmmikrobiota bewirken. Darüber hinaus kommen Menschen durch das Einatmen von Luft oder den Kontakt mit Oberflächen in natürlichen Umgebungen mit Mikroorganismen in Berührung. Diese können mit den bereits im Darm vorhandenen Mikroorganismen interagieren und dadurch verschiedene biologische Reaktionen auslösen. Welche Auswirkungen diese Interaktionen haben, hängt von den beteiligten Bakterienarten ab. Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2026 zeigte, dass bestimmte Bakterien Proteine in menschliche Zellen einschleusen können, die wichtige Signalwege des Immunsystems beeinflussen. Die Forschenden sehen darin einen möglichen Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn [5]. Veränderungen im Darmmikrobiom werden außerdem mit Erkrankungen wie Adipositas und Typ-2-Diabetes sowie mit Stress und psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Hinweise auf ein gestörtes Darmmikrobiom sind eine geringe Vielfalt an Mikroorganismen, viele krankmachende Bakterien und zu wenige nützliche Bakterien wie Lactobacillen [6].
Über die Lebensspanne eines Menschen gilt jedoch die Ernährung bislang als einer der stärksten Einflüsse auf die Darmbakterien. Dabei ist eine ballaststoffreiche, pflanzenbetonte Kost mit Vollkorn, Hülsenfrüchten, Gemüse, Obst und Nüssen gesundheitsförderlich, weil durch diese Ernährungsform deren mikrobielle Diversität erhöht wird [6].
Werden in der Tierhaltung Antibiotika eingesetzt, wie in der konventionellen Landwirtschaft weit verbreitet, können Antibiotika-Resistenzgene in der Umgebung nachgewiesen werden. Diese wirken insofern pathogen, als dass die Antibiotikaresistenz auf den Menschen übertragen werden kann. Dies zeigt die in Teil I beschriebene Studie, die Schweinefarmen und deren Umgebung untersuchte [7].
Bei Pflanzen und pflanzlichen Produkten spielt die Art des Anbaus eine große Rolle. Eine Studie verglich das Mikrobiom von Äpfeln aus konventionellem und biodynamischem Anbau miteinander [8]. Dabei unterschied sich die Gesamtzahl der Bakterien auf den Äpfeln zwar kaum, wohl aber deren Zusammensetzung: Biodynamisch angebaute Äpfel wiesen eine deutlich höhere mikrobielle Vielfalt und eine gleichmäßigere Verteilung der Bakteriengemeinschaften auf als konventionell erzeugte Äpfel. Zudem fanden die Forschenden auf den biodynamisch angebauten Äpfeln weniger potenziell krankheitserregende Mikroorganismen.
All diese Ergebnisse unterstreichen die enge Verbindung zwischen Boden, Pflanze und Mensch: Die Mikroorganismen interagieren untereinander und über die Grenzen von Spezies hinweg. Und das sogar innerhalb kurzer Zeit. Ein vielfältiges Bodenmikrobiom, wie es in biodynamischen Böden vorkommt, fördert die mikrobielle Vielfalt der Pflanzen, die wiederum über die Nahrung das Darmmikrobiom des Menschen beeinflussen kann. Gesundheit beginnt bereits im Boden, in dem die Pflanzen und unsere Nahrungsmittel wachsen. Sie geht über den Tellerrand hinaus bis hin zu den kleinsten Zellen im Darm. Es ist eine Gesundheit, die alle teilen: «One Health».
Literaturverzeichnis
[1] Ma H, Cornadó D & Raaijmakers JM (2025): «The soil-plant-human gut microbiome axis into perspective». Nature Communication 16, 7748.
https://doi.org/10.1038/s41467-02562989z
[2] Illi S, von Mutius E, Neuherberg (2018): «Die PASTURE-Geburtskohorte» in: Pädiatrische Allergologie 4. Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA). Verfügbar unter: https://www.gpau.de/fileadmin/user_upload/GPA/dateien_indiziert/Zeitschriften/Paed_Allergologie_2018_4.pdf, abgerufen am 09.06.2026
[3] Roslund MI, Puhakka R, Grönroos M, Nurminen N, Oikarinen S, Gazali AM, Cinek O, Kramná L, Siter N, Vari HK, Soininen L, Parajuli A, Rajaniemi J, Kinnunen T, Laitinen OH, Hyöty H, Sinkkonen A, ADELE research group (2020): «Biodiversity intervention enhances immune regulation and health-associated commensal microbiota among daycare children» Science Advances 6:eaba2578.
https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aba2578
[4] Wang L, Li JY, Zhu XQ, Jiang JC, Li C, Zheng ZH, et al. (2025): «Intervention effects of greenspace exposure on human microbiota: A randomized controlled trial in Chinese young adults». Ecotoxicology and Environmental Safety 296:118183.https://doi.org/10.1016/j.ecoenv.2025.118183
[5] Young V, Dohai B, Halder H. et al (2026): «Effector-host interactome map links type III secretion systems in healthy gut microbiomes to immune modulation» Nature Microbiology 11:442-60.
https://doi.org/10.1038/s41564-025-02241-y
[6] Backes G (2026): «Das Mikrobiom – Update für die Ernährungsberatung» in: DGE-Blog. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE). Verfügbar unter: https://www.dge.de/blog/2026/das-mikrobiom-update-fuer-die-ernaehrungsberatung/ abgerufen am 16.06.2026.
[7] Song L, Wang C, Jiang G, Ma J, Li Y, Chen H & Guo J (2021): «Bioaerosol is an important transmission route of antibiotic resistance genes in pig farms». Environment International 154, 106559.
https://doi.org/10.1016/j.envint.2021.106559
[8] Wassermann B, Müller H, Berg G (2019): «An apple a day: Which bacteria do we eat with
organic and conventional apples?» Frontiers in Microbiology 10:1629. https://doi.org/10.3389/fmicb.2019.01629
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