«Der Mensch als Krone der Schöpfung» bedeutet nach darwinistischer Evolutionstheorie, dass dieser als das höchstentwickelte Tier auf Erden betrachtet werden muss. Vor allem mit den Säugetieren hat der Mensch unzählige körperliche «Merkmale» gemeinsam. Doch einem goetheanistisch geschulten Blick zeigt schon ein flüchtiger Vergleich, dass die in verschiedenster Richtung auf die Spitze getriebenen Spezialisierungen tierischer Organe beim Menschen auf einer jugendlich-universalen Stufe zurückgehalten sind, um von ihm neu ergriffen zu werden und ihn so von einem reinen Seelenwesen zu einem erfahrungsoffenen und lernenden, geisttragenden Wesen emporheben. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die von der Fortbewegung freigestellte menschliche Hand, welche aus dem Menschen ein handelndes Wesen macht. Rein körperlich gesehen sind die Tiere dem Menschen in vieler Hinsicht überlegen, aber durch die entsprechenden Spezialisierungen auch grundsätzlich eingeengt und festgelegt. Die unspezialisierte, leibliche Universalität des Menschen stellt sich dabei als organischer Schlüssel auf dem Wege zur Freiheit heraus.
Ohne die Tiere wäre die Erde öde und seelenlos. Ihre starke Ausstrahlungskraft und faszinierende Schönheit entsteht durch das vollständige Zusammenklingen von seelisch durchdrungener Körperform und unmittelbarer Lebenswelt, von beseeltem Werkzeug und sinnvollem Verhalten. Tiere agieren und reagieren leidenschaftlich-instinktiv durch das, was die Sinneswahrnehmung in ihnen auslöst und stellen für uns deshalb manchmal auch eine Herausforderung dar. Was Tier und Mensch aber geschwisterlich verbindet, ist die gemeinsame Empfindungsfähigkeit.
In diesen Seminartagen geht es darum, aus verschiedenen Blickwinkeln auf die Tiere – ihre vielfältigen Köperformen, ihr Verhalten, ihren spezifischen Platz in der Landschaft – zu schauen, so, dass die Innerlichkeit der jeweiligen Tierart dadurch klar sichtbar und auch beschreibbar werden kann. Außerdem wird es ein Hauptanliegen sein, aus den Phänomenen abzu-leiten, wie das Tierreich als «auseinander-, gewissermaßen in die Schwere gefallener Mensch» betrachtet werden kann und wie umgekehrt im Menschen die Tierwelt auf einer höheren, durchgeisteten Stufe zusammengefasst und harmoni-siert erscheint. Mensch und Tier gehören zusammen und verdanken einander auf vielfach verwobener Art ihr Leben. Diese Einsichten bilden den Ausgangspunkt einer neuen, auf Erkenntnis gegründeten Tierethik und eines neu gestalteten Umgangs mit Tieren.
