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  1. Section d'Agriculture

Biodynamik und Agroforstwirtschaft

Créé par Gaudenz Hurter | 19/10/2026 |   Presse
Ein Treffen mit Ernst Götsch

Vom 7. bis 11. Oktober 2026 begegneten wir, Ueli und Gaudenz Hurter, in Sekem dem Pionier der syntropischen Landwirtschaft, Ernst Götsch, der dort gemeinsam mit seiner Frau zu Besuch war. Das von Hannes Thaler (Forest4Food) teilweise finanzierte Treffen brachte Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Fachrichtungen zusammen. Neben Vertreter:innen der Sekem-Initiative – Angela Hofmann, Dr. Sabr, Dr. Amr und Dr. Rehab – nahmen auf Einladung von Ueli Hurter auch Mohammed Imran Bin Hassan und Abdul Azim Bin Che Abdul Rahim aus Malaysia teil. Am letzten Tag ergänzte Fatma Abosamra, Leiterin des Associated Office of the Section for Agriculture in Egypt, die Runde.

Ein Höhepunkt des Treffens war der Besuch der Sekem-Farm in Wahad, einer Oase, in der die Initiative auf einer Fläche von insgesamt 1200 Hektar Landwirtschaft betreibt. Am 8. Oktober erkundeten wir die dortigen Versuchsfelder. Tags darauf führte uns die Suche nach wild wachsenden Pflanzen hinaus in die umliegende Wüste – zunächst ohne Erfolg. Nach der Besichtigung sämtlicher Pivots, der grossen Bewässerungssysteme, machten wir uns am dritten Tag nach dem Morgenkreis auf den Rückweg zur Hauptfarm. Dabei stiessen wir unverhofft auf jene Pflanzen, die wir am Vortag vergeblich gesucht hatten.

Ein abschliessendes Debriefing mit Helmy Abouleish, CEO der Sekem-Initiative, rundete den Austausch ab, bevor wir am 11. Oktober die Rückreise in die Schweiz antraten. Die Begegnungen, Beobachtungen und Gespräche bildeten die Grundlage für die folgenden Überlegungen: Wir greifen die zentralen Impulse auf, die Ernst Götsch während des Treffens immer wieder hervorhob, und setzen sie in Beziehung zu unseren eigenen Erfahrungen und unserem Verständnis der Biodynamik.

Wie Pflanzen Feuchtigkeit in die Wüste bringen

Feuchtigkeit ist nicht nur im Boden vorhanden, sondern auch in der Atmosphäre. Pflanzen können dazu beitragen, diese Feuchtigkeit zu nutzen und Wasser in trockene Landschaften zu bringen. Ein Beispiel dafür findet sich in der Wüste: Halophyten, also salztolerante Pflanzen aus der Gruppe derChenopodiaceae, siedeln sich auf kleinen Sandhügeln an. Mithilfe von Salz können sie Feuchtigkeit anziehen. Während sie wachsen, kühlen sie den Boden unter sich ab, wodurch Wasser aus der Atmosphäre kondensieren kann.

So schaffen sie die Voraussetzungen für die nächste Pflanzenart: Artemisia judaica. Sie benötigt kein Salz mehr, um sich zu etablieren. Durch die lokale Abkühlung des Bodens kann erneut Feuchtigkeit aus der Atmosphäre kondensieren. Schritt für Schritt entsteht dadurch eine Umgebung mit weniger Salz, in der sich weitere Pflanzen ansiedeln können. Sobald der Boden weitgehend bewachsen ist, sind die Voraussetzungen für die Pflanzung von Bäumen geschaffen.

Analogien zur biodynamischen Landwirtschaft

Ein ausgeglichener Hoforganismus wechselt zwischen zwei Zuständen: dem Einatmen und dem Ausatmen, die Ernst Götsch mit den beiden Bewegungsrichtungen eines Vortex beschreibt. Auch beim Rühren der biodynamischen Präparate entsteht eine solche Wirbelbewegung. Dabei wird das Wasser von aussen nach innen gerührt, also zum Zentrum hin. Das Hornmistpräparat fördert nach biodynamischem Verständnis die Entwicklung der Pflanze über den Boden und die Feuchtigkeit. Es wird am Abend ausgebracht und mit dem Einatmen der Erde sowie einer nach unten gerichteten Bewegung verbunden. Das Hornkieselpräparat hingegen unterstützt die Wirkung des Sonnenlichts, insbesondere die Photosynthese und die Reifung der Pflanzen. Es wird am Morgen ausgebracht und steht sinnbildlich für das Ausatmen der Erde und eine nach oben gerichtete Bewegung. Die biodynamischen Präparate ermöglichen es dem Menschen, bewusst und schöpferisch an diesen Prozessen mitzuwirken und das Zusammenspiel von Boden, Pflanze und Atmosphäre gezielt zu begleiten.

Bäume in der Wüste etablieren – mit der Natur zusammenarbeiten

Wie lassen sich in der Wüste Bäume ansiedeln, ohne dauerhaft auf Bewässerung angewiesen zu sein? Ernst Götsch setzt auf die natürliche Sukzession: Statt die Landschaft gegen ihre Bedingungen zu verändern, gestaltet der Mensch die natürlichen Entwicklungsprozesse aktiv mit und schafft Schritt für Schritt Lebensräume für anspruchsvollere Pflanzen.

In Wahad beginnt dieser Prozess mit einer etwa 1,5 Meter tiefen, trichterförmigen Vertiefung im Boden (siehe Abbildung rechts: Erste Phase einer Pflanzung in der Wüste). An ihren schrägen Seiten werden trockenheitsverträgliche Sukkulenten wie Prickly Pear (Feigenkaktus) oder Aloe vera gepflanzt. Sie benötigen nur wenig Wasser und sollen nach einer anfänglichen Wassergabe möglichst selbstständig anwachsen. Damit das Wasser nicht zu schnell verdunstet, wird die bewässerte Stelle mit trockener Erde, Sand oder Steinen abgedeckt. Die Sukkulenten werden in ringförmigen Reihen mit einem Abstand von jeweils etwa 30 Zentimetern angeordnet. Rund um die Vertiefung kommen Wüstenpionierpflanzen hinzu. Sie sollen dazu beitragen, die Umgebung schrittweise zu begrünen und den von Ernst Götsch beschriebenen «einatmenden Vortex» zu fördern.

Vom Sukkulentenring zum Baum

Nach etwa einem halben Jahr sollten sich die Sukkulenten etabliert haben. Dann werden sie zurückgeschnitten, das Schnittgut wird zerkleinert und im unteren Teil der Vertiefung mit Erde und/oder Sand vermischt. Als Mischungsverhältnis nennt Ernst Götsch fünf Liter Pflanzenreste auf einen Liter Erde und/oder Sand. In dieses Gemisch werden eine Bananen-, zwei Papaya- und drei Maispflanzen sowie Tomaten gepflanzt. Wichtig ist, das Gemisch anschliessend wieder mit einer Schicht aus trockener Erde, Sand und Steinen abzudecken, um die Verdunstung zu begrenzen (siehe Abbildung rechts: Zweite Phase einer Pflanzung in der Wüste).

Sobald Mais und Tomaten ihren Wachstumszyklus abgeschlossen haben, werden sie ebenso wie die Sukkulenten zurückgeschnitten. Das Pflanzenmaterial wird erneut zerkleinert und mit Erde vermischt. So entsteht in der Mitte der Vertiefung nach und nach ein kleiner Hügel, auf dem schliesslich ein Baum – beispielsweise ein Zitrusbaum – gepflanzt werden kann (siehe Abbildung rechts: Dritte Phase einer Pflanzung in der Wüste).

Planung: Pflanzen im Zusammenspiel denken

Am Anfang steht die Wahl der Hauptkultur. Entscheiden wir uns beispielsweise für Kaffee, bestimmen dessen Bedürfnisse die Pflanzabstände und die Auswahl der Begleitpflanzen. Dabei stellen wir uns grundlegende Fragen: Was nährt die Kaffeepflanze? Was schützt sie? Wie viel Wasser benötigt sie? Und welche Pflanzen können sie in ihrer Entwicklung unterstützen? Die Begleitkulturen werden so ausgewählt, dass sie diese Funktionen übernehmen und sich gegenseitig ergänzen.

Zwei Prinzipien sind dabei besonders wichtig: die Stratifizierung und die Sukzession. Die Stratifizierung beschreibt, wie Pflanzen die verschiedenen Höhen im Raum nutzen – vom Bodenbewuchs bis zur oberen Baumschicht. Ernst Götsch empfiehlt, mindestens vier, besser fünf solcher Ebenen zu berücksichtigen. Die Sukzession bezeichnet die natürliche zeitliche Abfolge, in der sich Pflanzen etablieren, entwickeln und durch andere Arten abgelöst werden. Ebenso zentral ist eine möglichst durchgehende Bodenbedeckung, die den Boden schützt und zur Erhaltung seiner Feuchtigkeit beiträgt.

Die Planungsphase dient auch dazu, das benötigte Pflanzmaterial selbst herzustellen oder zu beschaffen. Gleichzeitig lässt sich die Fläche vorbereiten: Pionierpflanzen können den Boden bedecken und grosse Mengen an Biomasse produzieren. Besonders Gräser eignen sich dafür. Ihre Pflanzenmasse wird später durch Schnitt in das System zurückgeführt und dient als Mulch und organisches Material.

Bewirtschaftung: Schneiden, lenken und fördern

Der entscheidende Eingriff in einer syntropischen Anlage ist der gezielte Rückschnitt der Pflanzen. Durch das Schneiden wird nicht nur das Lichtangebot verändert, sondern auch das Wachstum der gesamten Pflanzengemeinschaft beeinflusst. Götsch betont, dass Rückschnitte Wachstumsprozesse anregen können, die sich auch auf benachbarte Pflanzen auswirken. Wie stark diese Effekte auftreten, hängt unter anderem von der Pflanzenart und den Standortbedingungen ab.

Dabei kommen drei grundlegende Schnitttechniken zum Einsatz:

  1. Coppicing (Stockausschlag): Die Pflanze wird nahe am Boden zurückgeschnitten. Dadurch können bei geeigneten Arten neue Triebe aus dem Stock entstehen.
  2. Pollarding (Kopfschnitt): Die Krone wird am Hauptstamm auf einer bestimmten Höhe zurückgeschnitten. So lässt sich die Höhe eines Baumes begrenzen und verhindern, dass er andere Pflanzen überwächst.
  3. Lopping (Astschnitt): Einzelne Äste werden entfernt, um die Kronenstruktur zu verändern und mehr Licht in die darunterliegenden Pflanzenschichten gelangen zu lassen.

Mit diesen Eingriffen lassen sich Licht und Schatten gezielt regulieren und jene Pflanzen fördern, die gerade mehr Raum benötigen. Das Schnittgut bleibt möglichst auf der Fläche: Es wird zerkleinert und als Mulch verteilt. Pflanzenmaterial, das als Tierfutter genutzt wird, kann über den Mist der Tiere in den Kreislauf zurückkehren. Holz, das zum Heizen oder für den Bau benötigt wird, wird dagegen aus dem System entnommen.

Durch die natürliche Sukzession verändert sich die Pflanzengemeinschaft fortlaufend. Einige Arten verschwinden, während sich andere neu etablieren. Die Bewirtschaftung muss diese Entwicklung berücksichtigen und sich immer wieder an die veränderten Bedingungen anpassen.

Dafür braucht es einen aufmerksamen Blick und Erfahrung. Der Mensch muss lernen, wahrzunehmen, was die gesamte Anlage und die einzelne Pflanze gerade benötigen. Manchmal genügt ein leichter Rückschnitt; in anderen Fällen kann ein starker Eingriff, etwa das vollständige Entfernen der Krone, sinnvoll sein. Entscheidend ist, die Eingriffe nicht schematisch vorzunehmen, sondern auf die jeweilige Situation abzustimmen.

Kompost: Das Zusammenspiel von Pilzen und Bakterien

Für Ernst Götsch spielen Pilze im Kompost eine besonders wichtige Rolle. Im Gespräch mit Ueli Hurter kam die Frage auf, ob sich Bakterien im anthroposophischen Verständnis eher der Astralität und Pilze dem Ätherischen zuordnen liessen.

Ernst Götsch vertrat die Auffassung, dass Komposte stärker von Pilzen geprägt sein sollten. Besonders wichtig seien ihm die Basidiomyceten, eine grosse Gruppe von Pilzen, zu der beispielsweise viele Hutpilze gehören. Seine Überlegungen zur Stickstoffbindung und zur Rolle dieser Pilze im Kompost geben Anlass, ihre tatsächlichen Funktionen und ihr Zusammenspiel mit Bakterien genauer zu untersuchen.

Zudem schlägt Ernst Götsch vor, in der Mitte des Komposthaufens eine Vertiefung anzulegen, sodass der Querschnitt an einen Kamelhöcker erinnert. Diese Form stellt er in Zusammenhang mit einem einatmenden Vortex. Eine ähnliche Vorstellung findet sich im vierten Vortrag von Rudolf Steiners Landwirtschaftlichem Kurs, in dem die Gestaltung des Misthaufens thematisiert wird.

Fragen zur Vertiefung

Aus den Gesprächen mit Ernst Götsch ergeben sich Themen, die wir in unserem Forschungsprojekt «Biodynamics meets Agroforestry» weiterverfolgen möchten.

  • Die Kompostpräparate neu betrachten: Welchen Einfluss haben die biodynamischen Kompostpräparate auf die Prozesse zwischen den Pflanzen? Ueli Hurter vermutet, dass sie unter anderem auf Wechselwirkungen wie die Regulation des Wachstums einwirken könnten. Diese Annahme gilt es weiter zu untersuchen.
  • Pilze und Bakterien besser verstehen: Welche Aufgaben übernehmen die beiden Organismengruppen im Boden und im Kompost? Wie beeinflussen sie sich gegenseitig, und welches Verhältnis ist unter unterschiedlichen Bedingungen günstig? Hannes Thaler vertritt die Auffassung, dass ein höherer Pilzanteil vorteilhaft sei. Ob dies zutrifft, hängt jedoch von den jeweiligen Standortbedingungen und den angestrebten Funktionen des Komposts ab.

Diese Fragen zeigen, wie sich die Erfahrungen aus der syntropischen Landwirtschaft mit den Ansätzen der Biodynamik verbinden lassen. Sie laden dazu ein, Beobachtungen aus der Praxis mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verknüpfen und die Zusammenhänge zwischen Pflanzen, Bodenorganismen und landwirtschaftlicher Bewirtschaftung weiter zu erforschen.

Versuchsfeld in Wahad
Ernst Götsch
Wilde Pionierpflanzen in der Wüste
Erste Phase einer Pflanzung in der Wüste
Zweite Phase einer Pflanzung in der Wüste
Dritte Phase einer Pflanzung in der Wüste
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