Werte und Handeln in Einklang bringen

Erstellt von Jasmin Peschke | |   Ernährung
Der Verbraucher auf der Suche nach Verbundenheit

Der erste Supermarkt

Der weltweit erste Supermarkt entstand 1930 in Amerika. Auslöser dafür war die Weltwirtschaftskrise 1929. Sparen war angesagt, Firmen mussten Mitarbeiter entlassen, die dadurch kein oder weniger Familieneinkommen hatten und an Lebensmitteln sparen mussten. Der Lebensmittelhandel reduzierte einerseits die Mitarbeiterschaft, andererseits wurde auf die Preise gedrückt. Nach dem Motto „Waren hoch stapeln und zum Niedrigpreis verkaufen“ eröffnete die King-Kullen-Kette ihr erstes Geschäft. Knapp 30 Jahre später, 1957, gab es einen Nachahmer in Köln. Auf 2000 m2 Lebensmittel in großer Menge in stets vollen Regalen und freier Auswahl zu haben, das war bisher nicht bekannt. Auch ein Wettbewerb über den Preis fand bis dato nicht statt. Die Hersteller bestimmten den Preis auf Basis der entstandenen Kosten. Trotzdem waren die Kunden und auch der Handel skeptisch, ob aufgrund der Selbstbedienung die Kundenbeziehung verloren ginge.

Bisher gab es Tante-Emma-Läden und Fachgeschäfte für spezielle Produkte. Verbraucher waren die Hausfrauen und sie wurden beim Einkaufen beraten und persönlich bedient. Überhaupt war die Rollenverteilung in der Familie festgelegt: Die Frau führte den Haushalt und war für den Lebensmitteleinkauf und fürs Kochen zuständig. Anschreiben zu lassen, wenn der Ehegatte die Lohntüte noch nicht mitgebracht hatte, war möglich, und das Geschäft war Kommunikationspunkt.

Die gesellschaftliche Entwicklung hat in den letzten 60 Jahren große Fortschritte gemacht, Frauen sind inzwischen weitgehend emanzipiert. Dank diverser Erleichterungen im Haushalt wie Wasch- und Spülmaschine wurde es möglich, arbeiten zu gehen und eigenes Geld zu verdienen bzw. zum Familieneinkommen beizutragen. Durch die Supermärkte mit Vollsortiment geht das Einkaufen schneller, da nur noch ein Geschäft angesteuert wird und man sich selbst bedient – für Gespräche mit Freundinnen oder Nachbarn bleibt keine Zeit mehr. Die Zuständigkeiten im Haushalt sind verteilt und das Einkaufen wird meist von Frauen und Männern erledigt. Wobei sich in Umfragen zeigt, dass Frauen im allgemeinen bewusster auf Ernährung, Lebensmittelauswahl und –qualität achten.

Beziehungslosigkeit nimmt zu

Heutzutage ist die Entwicklung im Lebensmittelhandel gekennzeichnet durch Preiskampf und Anonymität. Das Schweinesteak wird immer billiger, wer und wie es produziert wird, interessiert nicht. Der Handel macht seinen Gewinn mit den Einkaufspreisen, folglich werden die Preise in der Wertschöpfungskette rückwärts gedrückt und der Landwirt an deren Ende bekommt immer weniger für sein Produkt. Kunden können ohne mit anderen Menschen Kontakt zu haben einkaufen, sogar an der Kasse kann der Warenkorb selbst abgerechnet werden. Die Herkunft und Produktionsweise sind sekundär – billig soll es sein.

Die Ernährungswirtschaft bestimmt, was gesunde Ernährung ist: Superfood wird beworben, von denen niemals die Superwirkung nachgewiesen wurde, wenn sie in physiologischen Konzentrationen gegessen werden. Plötzlich brauchen wir Matcha Tee, Moringa Pulver und schwarze Brötchen. Den Proteinbedarf mittels Insekten zu decken wird als Trend proklamiert. Dabei wird mit einem Hinweis auf deren nachhaltige, klimaneutrale und folglich anscheinend umweltbewusste Produktion an das ökologische Gewissen appelliert. So werden Verbraucher zur Zielgruppe für immer neue Trends und Lebensmittel und sie verlieren dabei ihre eigene innere Sicherheit für die persönliche Ernährung. In der westlichen Gesellschaft wird zu viel und zu einseitig, zu fett und zu süss gegessen und die Anfälligkeit für Zivilisations- oder Wohlstandserkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes usw. steigt. Gleichzeitig wird das Vertrauen, dass nur gesunde, unschädliche Lebensmittel angeboten werden, fast täglich erschüttert. Zum wiederholten Mal müssen Eier wegen Fipronil-Rückständen aus dem Verkehr gezogen werden, obwohl das Mittel eigentlich gar nicht erlaubt ist. Unsere Lebensgrundlage wird nach und nach reduziert, denkt man an Artensterben, Pestizidrückstände und nitratverseuchtes Trinkwasser. Zudem ist Food Waste, also Essensverschwendung, ein riesiges Thema, denn jeder Mensch wirft pro Jahr 82 kg Lebensmittel in den Abfall. Angesichts der steigenden Zahl von Hungernden in der Welt, allein 815 Mio. in 2016, eine viel zu große Verschwendung. Diese Dinge sind Ausdruck für eine fragmentierte Gesellschaft. Die Beziehung vom Acker auf den Teller ist verloren gegangen und die Folgen des eigenen Verhaltens kommen nicht ins Bewusstsein. Das Einkaufen im Supermarkt ist anonym, Entscheidungen werden den Verbrauchern abgenommen. Kurzum: er gibt seine Mündigkeit auf. 

Vor diesem Hintergrund suchen immer mehr Verbraucher Werte, mit denen sie sich identifizieren können. Sie suchen Beziehung, Transparenz und Handhabbarkeit sowie das Gefühl, etwas bewirken zu können. Verschiedene Initiativen und Aktivitäten läuten eine Kehrtwende ein: Erziehungskonzepte vermitteln Kindern, woher das Gemüse, das Brot, die Eier usw. kommen, denn diese Erfahrung ist verloren gegangen. CSAs, die solidarischen Landwirtschaften, sprießen aus dem Boden. Die Verbraucher wollen nicht mehr nur Zutaten, sondern Lebensmittel essen: Neudeutsch „meet food“, nennt es Hanni Rützler in ihrem Foodreport. Transparenz bezüglich der Herkunft ist ein Qualitätskriterium und Voraussetzung für die „Verbundenheit“, die Beziehung zu den Lebensmitteln und ihren Produzenten und letztendlich die Beziehung des Menschen zu sich selbst. 

Neue Fähigkeiten in der Assoziation

In transformativen Lebensmittelunternehmen, die Niko Paech und Carsten Sperling von der Uni Oldenburg im Projekt NASCENT vorstellen, geht es um neue Wirtschaftsformen, die konventionelle Handelsbeziehungen durch solidarische Finanzierungsmodelle oder pauschale Vergütungen wie z.B. Naturalien als Rückvergütung von Darlehen ersetzen. Auf freier Initiative gegründete ökonomische Gemeinschaften stellen die neue Wirtschaftsform dar. Dabei geht es neben Produktion und Unternehmensführung um partizipative Prozesse. Fähigkeiten wie Koordination, Ehrenamt, Teilung von Verantwortung, Konfliktmanagement und Entscheidungsfindung sind essentiell und müssen beherrscht werden, soll die Gemeinschaft erfolgreich sein. „Das Besondere an transformativen Lebensmittelunternehmen ist nicht, dass sie z. B. ihre Lieferkette entsprechend den Nachhaltigkeitskriterien optimieren, sondern dass sie das Wirtschaften wieder einbetten in einen sozialen Zusammenhang. Dafür braucht es in manchen Fällen nicht einmal mehr Geld, aber dafür umso mehr Transparenz, Vertrauen und menschliches Feingefühl“, postuliert Sperling.

Auf die Wertschöpfungskette projiziert ist ein solcher Ansatz die Assoziation. Alle Beteiligten von Produzenten bis zum Verbraucher sitzen am runden Tisch und besprechen ihre Anliegen und Erfordernisse. Transparenz und gegenseitiges Verstehen werden kultiviert. Dies geschieht auf der Grundlage einer empathischen, wertschätzenden Kommunikation in dialogischen Prozessen. Diese Fähigkeit muss erlernt und gepflegt werden und ist mehr eine Haltung als eine Technik.

Der selbstständige Verbraucher verbindet Denken und Handeln

In der Medizin ist die Frage nach Salutogenese, nach dem, was uns gesund hält, längst angekommen: Das eigene Leben in die Hand zu nehmen, das Selbstbewusstsein zu haben, die Alltagsfragen meistern zu können und eine Sinnhaftigkeit zu erleben. Ich bin der Gestalter meines Lebens. Der Verbraucher möchte nicht das stupide, manipulierbare Kauf-Wesen sein, dem alles vorgesetzt und dem unreflektierter Geiz suggeriert wird. Was Verbraucher interessiert, ist die Herkunft der Lebensmittel mit ihrer Biografie und ob die Kleinbäuerin in Afrika genügend Geld erwirtschaften kann, um ihre Familie zu ernähren. Das Gefühl, etwas bewirken zu können, das Leben durch das eigene Ernährungs- und Kaufverhalten mitgestalten zu können, ist sinnstiftend. Die Ernährung ist eine Auseinandersetzung mit der Erde, einerseits durch die Nahrungsmittel, die auf ihr wachsen und die verzehrt werden. Andererseits durch das Kauf- und Ernährungsverhalten, das unsere Umwelt prägt. Ob wir in gesunder Umwelt mit gesunden Lebensmitteln gesund leben können, entscheiden wir an der Kasse. An jeder Stufe der Wertschöpfungskette hat der Verbraucher die Möglichkeit mitzugestalten und die Werte, nach denen er leben will, durch sein folgerichtiges Handeln in die Tat umzusetzen. Er unterstützt die Wertbildung in der Produktionskette wenn er auf qualitativ hochwertige Lebensmittel ohne Rückstände zurückgreift. Und einen fairen Preis zu bezahlen, ermöglicht dem Landwirt, seiner Aufgabe der Landschaftspflege nachzukommen.

Ernährung als Kreuz verstanden

Stellen wir uns ein Kreuz vor, so entspricht die Brücke vom Denken zum folgerichtigen Handeln der Vertikalen. Das ist die Aufrechte des Menschen, die Himmel und Erde verbindet. Geistiges und Physisches wird durch den Menschen zusammengebracht, weil er Bürger zweier Welten ist, der übersinnlichen und der sinnlichen. Breitet er seine Arme aus umspannt er die gesamte Wertschöpfungskette: vom Saatgut auf den Acker zur Verarbeitung, dem Handel bis auf den Herd, den Teller und zur Tischgemeinschaft. Eine schön präsentierte schmackhafte, mit Liebe zubereitete Mahlzeit mit Freunden gegessen ist ein nicht-monetärer Wert, der zur Wertschöpfungskette gehört. Diese stellt die Horizontale des Kreuzes dar. Der Mensch, der sich ernährt, steht im Zentrum. Er ist ein Kreuz, und das ist gleichzeitig das Kreuz der Ernährung. Es ist seine Aufgabe, in der Gestaltung des gesamten Lebens, seiner Umwelt, seiner Beziehungen, Geistiges und Physisches zusammen zu bringen. Das bedeutet, dass die Konsequenzen des eigenen Handelns vorausgedacht werden, und die Entscheidung demnach erfolgt, in welcher Zukunft wir leben wollen, was unterstützt werden sollund was dafür getan werden muss.

Die Gesetzmässigkeit zu durchschauen, daß unser Handeln Folgen hat, ist die angesichts von Klimawandel und Wirtschaftskrisen immer drängender werdende Aufgabe. Es gelingt, wenn Beziehungen und Verbindlichkeit gepflegt werden, was das Leben in neuer Weise bereichert. Ludwig van Beethoven drückte diese Thematik passend aus: „Die Kreuze im Leben des Menschen sind wie die Kreuze in der Musik: sie erhöhen.“

Jasmin PeschkeLeiterin der Koordinationsstelle für Ernährung in der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum, Dornach jasmin.peschkenoSpam@goetheanum.ch

Veröffentlicht in Lebendige Erde 5-6/18

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