Interview mit Ueli Hurter zur landwirtschaftlichen Tagung 2019

Erstellt von Michael Olbrich-Majer | |   LWT-2019
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Michael Olbrich-Majer: Die Tagung brummte aufgrund der Zahl der Teilnehmer, es gab zahlreiche überzeugende und gelebte Ansätze für eine faire und nachhaltige Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette, vom Bauern beginnend, von SoLaWi bis True cost accounting. Deutlich wurde auch: es braucht neue Wege, um die Leistung der Landwirtschaft zu bewerten Sind Assoziationen da der Königsweg?

Ueli Hurter:Die aufgezählten Ansätze sind alle innovativ und sind ja an vielen Orten schon stark wirksam. Es braucht keinen Königsweg, sondern eine Vielfalt von Hirtenpfaden. Aber was hilft, ist ein heller Stern. Könnte der Stern, an dem sich alle Wege orientieren, das assoziative Wirtschaften sein? Ich glaube ja. Assoziatives Wirtschaften ist dann nicht EIN Weg, sondern Orientierung für viele Pfade. Es ist in meinen Augen keine technische Lösung, sondern ein sozial-wirtschaftlicher Innovationsraum für ein modernes menschenwürdiges Wirtschaften.

MOM: Assoziationen bilden, das hört sich nach Ausarbeiten von Konzepten und formalen Gründungen neuer Organisationen an: Geht es so voran?

UH: Ich meine wir haben an der Tagung gelernt, dass konzeptionelle Arbeit und Experimentieren in der Realwirtschaft Hand in Hand gehen müssen. Ohne den denkerischen Rückwärtssalto, das heißt, die Wirtschaft wirklich neu zu denken, geht es nicht. Und ohne das Trial and Error im laufenden wirtschaftlichen Alltag geht es auch nicht. Kommt es dann zu einer formalen Gründung und formalen Abläufen, ist das ein spätes Stadium einer Entwicklung, die man nur begrüßen kann.

MOM: Welches Potenzial steckt in assoziativer Zusammenarbeit?

UH: Grundsätzlich ist das Potenzial für ein menschenwürdiges Wirtschaften so groß wie die Erde und so kräftig wie die ganze Menschheit. Konkret meine ich, ist jetzt für circa drei Jahre ein Zeitfenster offen in der biodynamischen Bewegung und im Bio-Handel, in dem wir wirklich vorwärts arbeiten können. Es war eines der Ziele der Tagung, Inspiration und Mut für Zukunftsgestaltungen zu wecken. Ich glaube die Saat hat geklappt; jetzt wollen wir mal sehen, wie der Feldaufgang ist.

MOM: Der Wirtschaftskreis der Sektion, der auch die Tagung vorbereitet hat, hat 2017 zusammen mit Demeter Deutschland eine Charta für Assoziatives Wirtschaften verfasst: Wie steht es mit deren Wirksamkeit?

UH: Die Charta ist der Übergang vom Studium zur Tat. Die Chartagemeinschaft muss jetzt ihre proklamierten Grundsätze mit Leben füllen. Die Charta ist föderativ angelegt, das heißt, jede Unternehmung deklariert selber und frei, wie sie die Kriterien oder Grundsätze realisiert. Dieses Prinzip der Eigendeklaration ist sozial von anderer Natur als die verbindlichen Richtlinien bei Demeter. Ich glaube also, es braucht eine neue Organisation, die Chartagemeinschaft ist der Nukleus davon. Die nächsten Monate werden entscheiden, ob genügend Kraft da ist, um das real in die Welt zu bringen. Natürlich wird das unabhängig von der Sektion sein. Diese wird mit dem Wirtschaftskreis weiterhin ein Forum für die Erkenntnisarbeit in Bezug auf wirtschaftliche Fragen zur Verfügung stellen.

MOM: Assoziative Zusammenarbeit ist die Grundlage für faire Marktgestaltung und Preise, was auch die Beiträge mancher Verarbeiter und Händler, wie sie das in ihrem Fall angehen, wie Voelkel, Eosta, Oikopolis und ansatzweise der Schweizer Bericht zur Arbeit mit COOP.  Wie kommen wir zu einer solchen Kultur in der Breite der Branche, oder mindestens mal im Demeter Bereich?

UH: Die Breite muss wachsen. Sie kann nicht verbandsmäßig verordnet werden. Ich zähle auf individuelle Umsetzung der Prinzipien des assoziativen Wirtschaftens. Und hoffe auf einen anfänglichen Zusammenschluss dieser Initiativen in Gruppierungen wie der Chartagemeinschaft, dem SoLaWi-Netzwerk, u.a. Ich glaube, wir haben es da mit einem Schwesterimpuls von Demeter zu tun. Soll er voll zur Entfaltung kommen, braucht er eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber Demeter.

MOM: Aktuell ist zumindest in der deutschen Biobranche etwas ganz anderes Thema: Wie dominant werden die Großen, also die Biosupermärkte und der konventionelle LEH? Helfen da assoziative Konzepte?

UH: Dass es Bio und Demeter nicht mehr allein im Biofachhandel gibt, ist eine Tatsache in vielen europäischen Ländern. Ich meine, das ist unumkehrbar. Man kann es positiv sehen, weil mehr Land und mehr Menschen betroffen sind. Man kann es negativ sehen, weil damit eine Konventionalisierung unserer Bewegung droht. Ich bin überzeugt, dass assoziative Zusammenarbeit daher gerade jetzt entscheidend wird. Die Vermarktungsstruktur, die tiefer, echter, konsequenter assoziativ arbeitet, wird die zukunftsfähigere sein.

Erscheint auch in «Lebendige Erde» Heft 03/2019

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