Es geht um das Gespräch der Elemente

Erstellt von Jean-Michel Florin | |   LWT-2020

‹Wege zum Geistigen in der Landwirtschaft› heißt die Jahrestagung der Sektion für Landwirtschaft vom 5. bis 8. Februar 2020. Spiritualität in der Landwirtschaft erweist sich dabei im Gespräch mit Jean-Michel Florin als Beziehungsarbeit der weltweiten Kulturen miteinander und Beziehungsarbeit der Elemente der Natur.

Bringt die Suche nach Spiritualität Menschen in die Landwirtschaft?

Vor allem bei den jüngeren Menschen gibt es eine Sehnsucht nach dem Sinn, nach einer engeren Beziehung zu den Wesen, mit denen wir die Erde teilen. Gleichzeitig begegnet uns in der biodynamischen Ausbildung häufig die Frage: «Wie kann ich eine innere Kultur aufbauen?»

Wie müssen Höfe sein, dass junge Menschen gerne dort arbeiten wollen?

Kollegialität ist ein großes Thema, also die Art unserer Zusammenarbeit. Aber das bezieht sich auch auf das Verständnis der Wesen. Zum Beispiel in der Tierhaltung. Mechthild Knösel vom Hof in Regoldshausen sagt: «Ich kann das nicht aushalten, wenn die Kälber von der Mutterkuh weggenommen werden und schreien.» Dann findet sie einen Weg, wie die Kälber Schritt für Schritt von der Mutter entwöhnt werden. Es bedeutet, das Geistiges des Tieres ernst zu nehmen, sich in dessen Bedürfnisse hineinzuversetzen. Die Kuh schenkt uns alles, die Milch, den so wichtigen Dung für die Erde und am Ende ihres Lebens ihr Fleisch. Also sollten wir ihr Liebe schenken. Das ist ganz praktische Spiritualität. In den biologisch-dynamischen Präparaten gehen wir mit dem Löwenzahn um. Wenn ich mich nun mit dieser Pflanze beschäftige, sie studiere und so mit ihrem Wesen oder Archetypus vertraut werde, dann kann ich die Pflanze in all ihren Eigenschaften nicht nur besser verstehen, sondern auch anwenden. Nach einem feuchten verhangenen Frühling kommt mir innerlich das Bild vom Löwenzahn, dann kann diese Pflanze wie eine kleine Sonne im Boden viel bewirken.

Sich innerlich zu sortieren ist ein urbanes Lebensgefühl. Sind die Landwirte und Gärtnerinnen von heute also auch schon städtisch geworden in der Seele?

Ja und sie suchen wie sie sich wieder geistig mit der Natur verbinden können. Viele sehnen sich danach, wie man sich tagtäglich geistig schulen kann, bei der regelmäßigen Beobachtung des Wetters, wie es Rudolf Steiner im Vortrag zur praktischen Ausbildung des Denkens anregt, oder beim Beobachten einer Pflanze. Häufig fragen sie, wie man selbständig eine meditative Arbeit pflegen kann. Da geht es immer um die Frage, wann und wie man sich den Raum und die Zeit schaffen kann. An der Landwirtschaftlichen Tagung studieren wir jeweils die Michaelbriefe von Rudolf Steiner und sind hier beim vorletzten angekommen. Da schildert er, dass, wenn man nicht zur Bewusstseinsseele vordringt, also in der Verstandes- und Gemütsseele verbleibt, Verstand und Gemüt auseinanderfallen. Des Verstandes bemächtige sich Ahriman, während das Gemüt luziferisch wird. In der Landwirtschaft findet man diese zwei Gefahren: auf einer Seite, die Faszination der Technik mit der ‹Smart Agriculture›, die computerisierte Landwirtschaft, und auf der anderen die Sehnsucht nach der alten Zeit die sogar bis zu Ideen von Blut und Boden gehen kann.

In der Tagungsankündigung beschreibt ihr, dass Biodynamik jetzt weltweit Religionen und spirituellen Richtungen begegnet.

Unsere biologisch-dynamischen Landwirte waren überrascht, als sie in Indien die kleinen Demeter-Betriebe, die sogenannten ‹Small Holders›, besuchten. Sie benutzen die Präparate, arbeiten mit Kompost; aber wissen sie etwas von der Anthroposophie? Benita Shah, die im Land mit vielen anderen den biologisch-dynamischen Landbau organisiert, erklärte daraufhin, dass die Bauern hier gar keine Fragen hätten. Wie sie besser leben und Ackerbau betreiben könnten, das ist ihre Frage. Spiritualität haben sie genug, das braucht man ihnen nicht bringen. Der Kuhmist ist heilige Substanz! Da brauchen wir nichts zu erzählen. Später mag die Frage kommen, vielleicht auch nach Selbsterkenntnis. Aber jetzt geht es darum, zu überleben. Sie wollen einfach nur etwas besser leben, mit gesundem Essen und gutem Verkauf auf dem Markt.

Und wie sieht es im islamischen Kulturkreis aus?

Im arabischen Raum kenne ich Sekem gut. Ich habe dort an der Universität unterrichtet. Ich knüpfe die biologisch-dynamische Landwirtschaft dann gerne an die spirituelle Tradition an, denn sie sind stolz auf ihre kulturelle Vergangenheit. Also habe ich ein Bild der antiken ägyptischen Göttin Nun gezeigt, wie durch ihren Leib in der Nacht die Sonne zieht. Auch das ägyptische Bild des Skarabäuskäfers, der auf der Erde den Mist und im Himmel die Sonne voranrollt, behandle ich dann gerne. Wir bringen bei der Präparateherstellung den Mist in die Kuhhörner und die Kuh wurde im alten Ägypten als Hathor, als Himmelsgöttin, verehrt. Da ist es dann nicht mehr weit zum Hornmistpräparat des biologisch-dynamischen Landbaus.

Ich suche jeweils die örtliche Spiritualität, jedenfalls, was davon noch lebendig ist, und versuche sie mit unseren Erkenntnissen vom biologisch-dynamischen Landbau zu verbinden. In Südamerika ist die Erdgöttin Pachamama noch erstaunlich präsent. Die Erde ist ein Wesen und sie heißt Pachamama und aus diesem Wissen sagt mir dann ein peruanischer Landwirt: «Aha, deshalb nehmen wir nur Kuhhörner von weiblichen Kühen und nicht von Stieren, denn die Pachamama ist eine Mutter, die Erde ist eine weibliche Göttin.»

Wird man da zurückhaltend, die eigene Spiritualität zu bringen?

Es ist eine Gefahr, dass wir einfach die Anthroposophie in die Länder tragen und damit eine Art von kultureller Kolonisierung betreiben. Da gilt es gut aufzupassen, und doch kann man sich dabei ertappen, es besser wissen und ‹helfen› zu wollen. Das ist aber nicht das, was gefragt ist. Gefragt ist, dass aus der Begegnung, dem Austausch sich etwas entwickelt. Wenn du mit indischen Bauern im Seminar sitzt und zuhörst und sagst, das ist interessant, erzähl mir mehr von der Heiligkeit der Kuh, dann entsteht ein Gespräch, dann wird es interessant. Da muss man dann nicht viel reden, weil man sich geistig begegnet. Da geschieht etwas auf einer universellen Ebene.

Ein anderes Beispiel: die Hawthorne Farm von Rachel Schneider nördlich von New York. Sie haben sich gesagt, wir produzieren biologisch-dynamische Produkte und die besserverdienenden New Yorker kaufen sie, aber nicht die Bewohner der nahen Stadt Hudson mit ihren tiefen Einkommen. Rachel hat dann mit ihrem Team vom Hof mit den Menschen von Hudson zwei Jahre Gespräche geführt. «Wollt ihr gute Nahrung?», fragte sie und entdeckte, dass die Hispanos und Ärmsten der Armen (es sind oft die Schwarzen), eine gute Ernährungskultur besaßen. Sie kochen gut und gerne, aber der Weg mit dem Bus zum Bioladen ist zu weit und es ist zu teuer. «Wie können wir es möglich machen?», das wurde zur gemeinsamen Frage und sie haben es dahin gebracht, dass sie nun einen Lastwagen als mobiles Geschäft haben mit drei unterschiedlichen Preisen für jedes Produkt. Wenn du an die Kasse kommst, dann sagst du, wie hoch dein Jahresverdienst ist, und wenn du arm bist, zahlst du den grünen Preis, wenn du ein höheres Gehalt hast, dann zahlst du den roten Preis. Die Kasse speichert deinen Namen, sodass das nächste Mal klar ist, welcher Preis für dich gilt. Für den Vertrieb konnten sie dann Mitarbeitende aus dem Armenviertel anstellen. Es geht nicht um Almosen, sondern um Gerechtigkeit und Kooperation. Dieser Aspekt wird an der Tagung vertreten sein, dass Spiritualität in der Landwirtschaft bedeutet, Ökologie und soziale Gerechtigkeit zu verbinden, damit jedes seine Menschenwürde finden kann.

Und die innere Seite der Spiritualität, die nicht sogleich auf die Anwendung zielt?

Das ist das Wunderbare, dass wir eine praktische Seite haben und eine innere. Nehmen wir den Klimawandel: Zur äußeren Seite gehört, dass am Fibl-Institut in der Schweiz nachgewiesen wurde, dass die CO2-Emission eines biologisch-dynamisch arbeitenden Hofes nur halb so hoch ist wie in der konventionellen Landwirtschaft. Das gelingt, indem auf dem Hof mit Heckenpflanzung und Grünflächen und Baumpflanzung ein Mikroklima mit CO2-Bindung entsteht. So fängt man viel CO2 auf. Umgekehrt muss man wissen dass die Herstellung von Ammoniak, das vor allem in der Landwirtschaft für den Kunstdünger gebraucht wird, ein bis drei Prozent des weltweiten Energiebedarfs benötigt. Das ist viel und wird wenig erwähnt. Das ist die ganz konkrete Ebene. Zur geistigen Ebene gehört dann beispielsweise die Frage, wie wir unser Verhältnis zur Sonne entwickeln. Das möchte an unserer Jahrestagung im Februar Ann Cecila Grün darstellen. Auf der physischen Ebene haben wir die Tendenz, zu sagen, dass die Sonne zu viel Licht und Wärme schickt. Durch ihre Fähigkeit geistiger Beobachtung liegt Grün jetzt viel daran, auch die Beziehung zur seelischen und geistigen Sonne besser zu verstehen.

Nun gibt es einen interessanten Hinweis von Rudolf Steiner. Wir gestalten ja heute die Landschaft so, dass wir die Elemente voneinander trennen, wie heute üblich durch Flussbegradigung, sodass Wasser und Erde sich nicht mehr begegnen, oder durch Flächenversiegelung durch Beton, sodass Luft und Erde nicht mehr zusammenkommen. Das machen wir seit 100 Jahren mit der Landwirtschaft, dass wir so die Elemente voneinander separieren. Rudolf Steiner beschreibt nun, dass, wenn die Elemente sich nicht mehr begegnen, sie in den Einfluss Ahrimans kämen, ‹verrückt› würden. Das ist das, was wir heute erleben! Was ich dabei so spannend finde bei unserem Bemühen um einen landwirtschaftlichen Organismus, ist, ständig die Elemente in Beziehung zu bringen. Du hast einen Teich auf den Hof, du hast das Wasser nicht in geschlossenen Röhren, sondern lässt es an der Oberfläche fließen, du lässt die Luft mit der Erde spielen, indem du Wiesen und Hecken anlegst. So sind die Elemente im Gespräch miteinander. Alles, was wir auf dem Hof unternehmen, sollte dem Gespräch der Elemente dienen. Das gilt besonders für die Präparate. Baldrian repräsentiert Wärme und bringt tatsächlich Wärme in den Boden, während Schafgarbe vielmehr die Kälte, die Erfrischung unterstützt. Mit den Präparaten können wir die Elemente ausgleichen und regulieren. Es ist ein schönes Beispiel für das, was Anthroposophie leistet. Geistige Forschung, die dann unmittelbar praktisch wird und die man auch nachvollziehen kann, wenn man unbefangen denken und schauen kann. Ein Boden eines Maisfeldes, dicht gepflanzt in Monokultur, der nicht mehr atmen kann, das tut mir physisch weh. Man spürt es, dass der Austausch zwischen Himmel und Erde, zwischen Luft, Wasser, Wärme und Erde fehlt. Hier leisten wir viel mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft.

Tagung: Wege zum Geistigen in der Landwirtschaft

Artikel erschienen in "Das Goetheanum" Ausgabe 50 · 13. Dezember 2019

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