Klimawandel und Landwirtschaft

Erstellt von Lin Bautze / Ueli Hurter | |   Living Farms - Noticias
Dialogartikel von Lin Bautze, Projektleiterin «Living Farms», und Ueli Hurter, Co-Leiter der Sektion für Landwirtschaft

Lin Bautze Vor Kurzem ist der Sonderbericht des Weltklimarates IPCC zum Thema «Klimawandel und Landsysteme» veröffentlicht worden. Seit 1992 bringen in diesem Gremium mehrere Hundert Wissenschaftler_innen im Auftrag der Vereinten Nationen die aktuellsten Forschungsergebnisse zum Klimawandel zusammen. Der Bericht fasst vier Kernaspekte in Bezug auf unser Ernährungssystem und die Landwirtschaft zusammen:

  1. Als Menschheit sind wir von den Landressourcen und dem Klima abhängig. Unter allen errechneten Klimawandelszenarien wird unsere Ernährungssicherheit weltweit vom Klimawandel negativ beeinflusst. Der Grad der Auswirkung unterscheidet sich je nach geografischer Lage sowie sozialer, ökonomischer und ökologischer Resilienz.
  2. Die Landwirtschaft ist einer der verletzlichsten Sektoren und somit von den Auswirkungen des Klimawandels besonders betroffen. Die Bodenqualität und -quantität ist hier explizit als bedroht erfasst worden. Die derzeitige Bodenerosionsrate ist in der gängigen Landwirtschaftspraxis bis zu 100-mal höher, als der Boden parallel dazu aufgebaut wird. Langfristig betrachtet bedroht dieser Zustand massiv unsere landwirtschaftliche Grundlage des Wirtschaftens.
  3. Die Landwirtschaft kann entweder weitere Emissionen produzieren oder dazu beitragen, diese zu verhindern bzw. zu kompensieren. Biodynamische und biologische Landwirtschaftsformen werden ausdrücklich empfohlen, um weitere Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig die Resilienz der landwirtschaftlichen Praxis zu erhöhen.
  4. Damit wir eine nachhaltige Zukunft haben, empfiehlt der IPCC schnell umsetzbare und lokal angepasste Klimaschutzhandlungen. Diese sollen auf dem Erfahrungsschatz der lokalen Akteure aus allen Wertschöpfungsbereichen ermöglicht und so gemeinsam umgesetzt werden.

Ueli Hurter Die Landwirtschaft ist nie klimaneutral. Es gibt historische und aktuelle Beispiele, wo sie klima-aufbauend ist (Timbuktu Kollektiv, Landwirtschaftliche Tagung 2019), und es gibt viele Beispiele, wo sie klimaschädigend ist. Neu an der Situation 2019 ist «nur», dass wir ein globales Bewusstsein haben und auch die Daten verfügbar sind, um eine globale Klimabilanz zu erstellen. Wieso wirkt die Landwirtschaft so stark auf das Klima? Weil es ihr Wesen ist, das Untere mit dem Oberen und das Obere mit dem Unteren zu durchdringen. Die Inauguration der Landwirtschaft in der altpersischen Kultur bestand gerade darin, mit dem Pflug die Erde aufzureissen. Das war eine unerhörte Tat! Ein Griff in die dunklen Tiefen, ein Schritt in Ahrimans Reich. Aber das Obere, Licht und Wärme – persisch symbolisiert im Sonnenwesen Ahura Mazdao – konnte so eindringen in das Untere. Nahrung in einer Quantität und Qualität wuchs dadurch auf dem Acker und im Garten, die eine grossartige Etappe in der Menschheitsentwicklung ermöglichte: die Etappe der Sesshaftwerdung, auch bekannt als die neolithische Revolution. So wird der Mensch zum Erdenmenschen. Er ist jetzt nicht mehr «der herrliche Fremdling» (Novalis), sondern «er ist zur Bildung der Erde berufen» (Novalis). Seit dieser Zeit ist die Landwirtschaft als Grundlage der Sesshaftigkeit Chance und Gefahr zugleich für den Boden, das Wasser und die Atmosphäre. Was der IPCC-Report mit aktuellen Daten zeigt, nämlich, dass die Landwirtschaft ein Teil des Problems ist und auch gleichzeitig ein Teil der Lösung, stimmt auch aus einer Wesenserkenntnis der Landwirtschaft.

Wenn man einen Schritt weiter geht, wird deutlich, dass das «Untere», das sich dem «Oberen» erschliesst, im organischen Bereich insbesondere der Kohlenstoff und der Stickstoff sind. Tatsächlich sind CO2, CH4 und N2H die wichtigsten Klimagase. Sie bilden in der Troposphäre, 8.000 bis 18.000 Meter über dem festen Boden, einen Schirm (einen atmosphärischen Boden), der die von der Erde zurückgestrahlte Sonnenwärme reflektiert und wieder zur Erde zurücksendet (Treibhauseffekt). Die Folge ist ein globaler Anstieg der Wärme in der Atmosphäre. Durch verschiedene Rückkopplungseffekte wird dieser Prozess verstärkt und beschleunigt. Soweit die Atmosphärenphysik. Gibt es auch eine Atmosphärenbiologie? Oder gar eine Biodynamik der Atmosphäre?

Potenziale biologisch-dynamischer Landwirtschaft

LB Für die landwirtschaftliche Praxis können die Ergebnisse des Berichtes in zwei Extremen interpretiert werden. Wir können uns einem Wandel verwehren, diesen ignorieren und hoffen, dass nichts weiter passiert bzw. die gesammelten Wissenschaftler_innen sich doch geirrt haben. Das würde bedeuten, den Status quo aufrechtzuerhalten, keine Emissionen einzusparen und auf eine anpassungsfähige und technisch versierte Menschheit zu hoffen. Das andere Extrem wäre ein radikaler Wandel: ein Verzicht auf weitere Emissionen und ein schnelles Handeln. Der Sonderbericht spricht sich für einen schnellen Wandel aus und auch in unserer Gesellschaft scheint spätestens seit Greta Thunberg und den Fridays-for-Future-Demonstrationen der Wille, aktiv zu werden, angekommen zu sein.

Der Bericht betont zusätzlich, dass die Landwirtschaft schnellstmöglich eine Resilienz, eine Widerstandskraft, entwickeln muss. Dies erfordert vor allem von uns, die neuen, unvermeidbaren Bedingungen zu akzeptieren, sowie ein Vertrauen auf die eigene Handlungskompetenz, aus der Krise emporzuwachsen, zu entwickeln. Es bedeutet, den eigenen Hof gewissenhaft und regelmässig zu reflektieren, zu betrachten und rechtzeitig Anpassungen vorzunehmen. Dies erfordert ein geschultes Auge, Wissenszugang zu unterschiedlichen Handlungsoptionen und den Willen, der eigenen Realität ins Auge zu schauen. Betrachtet man nun ganz rational die Möglichkeiten, die die biodynamische Landwirtschaft für den Klimaschutz und die Resilienz bietet, erkennen wir, dass diese Form der Landwirtschaft:

  • auf aufwendig produzierte, chemische Düngemittel, Pestizide und Herbizide verzichtet und stattdessen eigene, lokale, organische Dünger nutzt
  • durch eine bodengebundene Tierhaltung, Kompostierung und Fruchtfolgendiversität in den Bodenaufbau investiert
  • eine gewisse Souveränität entwickelt, zum Beispiel durch das Denken in geschlossenen Kreisläufen, wodurch etwa auf Sojaimporte aus Brasilien verzichtet werden kann
  • sich immer wieder intensiv und gewissenhaft mit den eigenen Böden, Pflanzen, Tieren, Menschen und Interaktionen auf dem Hof und in der Welt befasst.

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In Zahlen ausgedrückt bedeutet das, dass, wenn wir in der EU 50 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen auf biologische und biodynamische Landwirtschaft umstellen, wir bis 2030 bis zu 30 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen einsparen bzw. kompensieren können. Gleichzeitig hat sich in Langzeitversuchen gezeigt, dass biologische und biodynamische Landwirtschaft mit Klimaschwankungen und -extremen besser umgehen kann. Die Ernteverluste fallen durch eine gute Bodenstruktur bei Extremwetterereignissen und Dürre geringer aus als bei konventionellen Betrieben. Parallel dazu sichert die von biodynamischen Höfen praktizierte Vielfalt auf dem Acker, in der Tierhaltung und in den Betriebszweigen diese ökonomisch ab. So bleiben die Menschen auf dem Betrieb auch in Zukunft handlungsfähiger. Wir haben somit in der Landwirtschaft die Möglichkeit, einen Weg einzuschlagen, der bereits vorhandene, praktizierte Potenziale aus der biodynamischen Landwirtschaft nutzt. Diese müssen je nach Ort und den Handlungsmöglichkeiten jedes Einzelnen betrachtet werden. In manchen Regionen oder Hofbereichen können Handlungen schneller erfolgen und effektiver sein als in anderen. So kann ich beim Betrachten meines Hofes erkennen, dass zum Beispiel eine Kompostierung oder das strategische Pflanzen von Bäumen und Hecken leichter umsetzbar sind und weniger Zeit benötigen als den Bodenhumus aufzubauen.

UHRudolf Steiner hat im «Landwirtschaftlichen Kurs» 1924 nicht in einer persischen Mysteriensprache gesprochen, sondern ist auf seine Zuhörer so weit eingegangen, dass er eine topaktuelle Agronomensprache verwendet hat. Er hat von Schwefel, Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff gesprochen – genau den Stoffen, um die es heute auch geht. Der Kohlenstoff (C) ist derjenige, der im Organischen das Grundgerüst bildet. Ein Pflanzenwesen bildet sich seinen Leib aus Kohlenstoff. Es keimt, wächst, blüht, fruchtet und vergeht. Was übrig bleibt, sind der Same dieser spezifischen Pflanze und der Humus, der wie ein Universalsame ist. Der Kohlenstoff lebt dynamisch im Lebenszyklus in der Einzelpflanze, im ganzen Pflanzenbestand eines Ackers, in der ganzen Landschaft mit über hundertjährigen Zyklen, wenn man an die Bäume denkt. Wenn wir es schaffen, den Kohlenstoff in zyklischem Leben zu halten, dann sind wir nicht nur nicht klimaschädigend, sondern positives-Klima-schaffend. Beim Stickstoff ist es so, dass er es schwer hat, aus der Luft, wo er in atomarer Form als N2 s. o. massenhaft vorhanden ist, ins organische Leben zu kommen. Es muss ein Seelisches sich einen Leib bilden wollen, damit der Stickstoff eintritt ins irdische Leben. Das ist bei den Tieren der Fall und bei der Pflanzenfamilie der Leguminosen. Mit diesen zwei Quellen ist es gut möglich, den Stickstoff in genügender Qualität und Quantität im landwirtschaftlichen Betrieb zu haben. Der synthetisch und industriell hergestellte Stickstoffdünger – der leicht als Lachgas (N2H) s. o. in die Atmosphäre entweicht und dort 265-mal klimaschädlicher ist als CO2 – ist nicht nötig! Allerdings ist für ein betriebsinternes Stickstoffmanagement eine gewisse Tierhaltung, insbesondere mit Wiederkäuern nötig. Dieses Prinzip ist im biodynamischen Landbau eben bis in die Demeter-Richtlinien, die den Einbezug der Tiere zwingend vorschreiben, durchgeführt.

In der Praxis arbeitet man ja nicht mit den chemischen Stoffen, aber die Vorstellungen, die man von ihnen hat, sind sehr prägend für das Wie und Was in der Praxis. Mit dem oben skizzierten Wissen über die Stoffe als die Träger von Leben, Seele und Geist im Naturhaushalt arbeite ich anders, als wenn ich mir tote chemische Atome denke. Konsequenterweise ist im biodynamischen Landbau die Einheit, die einen geschlossenen lebendigen Stofffluss ermöglicht und tragen kann, die Grundeinheit, mit der wir praktisch arbeiten, und das ist der einzelne landwirtschaftliche Betrieb. Es ist geradezu eine «landwirtschaftliche Individualität», die im landwirtschaftlichen Organismus seinen Leib bildet. Alles Streben des Praktikers bezieht sich primär auf dieses Ganze und erst sekundär auf die einzelnen Betriebszweige, die im Sinne des Hoforganismus wie Organe angesehen werden können. Mit diesem Griff, immer aus dem Ganzen zu denken, zu fühlen und zu handeln, hat der Biodynamiker etwas von einem Träumer. Denn das Ganze ist ja konkret nicht greifbar, es muss vorgestellt bzw. imaginiert werden. Das kann zu erstaunlichen Handhabungen führen. Ich kam einmal auf einen Betrieb, der mit hoher Kälbersterblichkeit zu kämpfen hatte. Die Massnahme des Bauern war – neben anderem –, viele Hecken zu pflanzen. Da könnte man doch sagen, der ist ein Träumer oder er ist verrückt! Aber für ihn war klar, dass, wenn er die fehlenden Strukturkräfte, die bei seinen Kälbern den ruinösen Durchfall verursachen, stärken will, dann müssen sie mit Hecken in der Landschaft gefördert werden, damit sie über das Futter und die Milch der Mutter zu dem Kalb kommen. Ist das nicht wie ein atmosphärisches Arbeiten? Man geht mit einem Phänomen in der inneren Erwägung bis an die Peripherie und von dort kommt der Geistesblitz, der einen an einem ganz bestimmten Punkt, scheinbar weit weg von der Ursache, handeln lässt. Anders ausgedrückt: Biodynamik agiert immer aus der Peripherie, ist vom Ansatz her Klima-Landwirtschaft.

Die vorhandenen Potenziale sichtbar machen

LB Wenn wir nun wieder zurück auf das grosse Bild unseres derzeitigen Wandels kommen, stellt sich die Frage, wieso derzeit nicht (noch) mehr Höfe auf die biodynamische Landwirtschaft und klimafreundliche Landwirtschaft umsteigen. Für solch eine Umstellung bedarf es Wissen, Vorbilder und Handlungsoptionen. Jeder Hof ist individuell, einzigartig und besteht aus spezifischen Interaktionen zwischen Menschen, Tieren, Landschaft und der globalen Umwelt. Wollen wir nun konventionelle, biologische und biodynamische Höfe gleichermassen handlungsfähig machen, braucht es eben jenes Wissensportfolio, aus dem die für den eigenen Hof praktikablen und öko-sozial sinnvollen Lösungen geschöpft werden. Es braucht die Inspiration von Menschen, die bereits Lösungen umgesetzt haben, und die Bereitschaft dieser, die eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen. Dann können Höfe lokal handeln und gleichzeitig das Globale im Blick behalten.

Um diese Lücke zu schliessen, wurde ein neues Forschungsprojekt an der Sektion für Landwirtschaft gestartet. In dem Projekt «Living Farms: Potentiale biodynamischer Orte in Zeiten globalen Wandels» werden 15 bis 20 biodynamische Höfe weltweit besucht, erforscht und porträtiert. In Kurzvideos werden ihre Strategien, Gedanken und Handlungsoptionen sichtbar gemacht. So können die landwirtschaftliche Praxis, Beratung und auch die Konsument_innen einen Zugang zu dem weltweiten Repertoire an Möglichkeiten biodynamischer Orte bekommen. Dieser Zugang ermöglicht ein gemeinsames Wachsen an den Herausforderungen des globalen Wandels.

UHDer Klimawandel geht uns alle an. Er trifft uns alle. Er erfordert viele Einsichten, viele Prototypen, viele Lösungswege. Die Biodynamik ist nicht DIE Lösung. Sie kann einen Beitrag leisten. Denn wie wir gesehen haben, hat sie in ihrem Wesen den Blick und die Handlung vom Ganzen aufs Einzelne – und das ist ja der Ruf der Klimakrise: Die Erde ist ein Ganzes, die Erde ist ein Lebewesen und als solches will sie von uns Menschen behandelt werden. Unser Beitrag sind eigentlich unsere Höfe. Es sind nicht die Wissenschaft (Anthroposophie, «Landwirtschaftlicher Kurs») und auch nicht nur die (Demeter-)Produkte, die für viele inspirierend sein können. Aber wir denken, unsere Betriebe könnten für viele Menschen so wirken, dass man für das eigenes Tun inspiriert und ermutigt wird. Denn der Betrieb ist konkret, Boden, Pflanzen und Tiere sind tatsächlich da, die Menschen und die Menschengemeinschaft sind nicht idealiter gedacht, sondern mit 100 Prozent ihrer Schwierigkeiten Teil des Ganzen. Die Höfe sind auch soziale Labore, wo zum Beispiel neue Eigentumsformen erprobt werden. Höfe sind auch Lebensmittelwerkstätten, wo weder Fast Food noch Slow Food entsteht, sondern True Food. So wollen wir in aller Bescheidenheit unsere Betriebe zeigen. Damit man das auch in Nepal, auf den Philippinen und in Island sehen kann, verpacken wir diese Porträts in Videofilme. Damit sind wir wieder bei Ahriman, der Kreis schliesst sich, Landwirtschaft entsteht aus der Begegnungsdynamik von Sonne und Erde.

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