Landwirtschaftliche Tagung 2017

vom 1.- 4. Februar 2017 am Goetheanum, Dornach.

Jahresthema 2016/17

Bodenfruchtbarkeit schaffen – von der Naturgrundlage zur Kulturaufgabe

Fruchtbare Böden sind seit Jahrtausenden eine der wesentlichen Grundlagen für die Kulturentwicklung. Es ist eine der vornehmsten Aufgaben der Landwirtschaft diese Bodenfruchtbarkeit zu wecken, zu erhalten und zu mehren. Unsere gesamte Zivilisation verursacht jedoch einen gigantischen jährlichen Verlust an landwirtschaftlichen Böden durch Verwüstung, Abschwemmung und Verbauung. Damit hat die Thematik der Bodenfruchtbarkeit heute eine gesamtgesellschaftliche und eine globale Dimension.

Boden

Der Boden im landwirtschaftlichen Sinne ist die Begegnungszone von dem oberen Lichtraum mit dem unteren dunklen Erdraum. Die beiden Sphären durchdringen sich und es entsteht auf der mineralischen Grundlage der Erde ein ganz eigenes Lebens-Milieu. Natur- und geisteswissenschaftliches Wissen kann viel erschliessen über diese komplexe Durchdringung von Kosmischem und Irdischem. Der Praktiker weiss aber auch, dass die tatsächlichen Bodenprozesse für jeden Ort und für jeden Zeitpunkt einmalig und speziell sind. Der Boden bedarf der ständigen Aufmerksamkeit, um dann im richtigen Moment mit beherztem Willen in die Bearbeitung genommen zu werden.

Aus dem Blick der Gesellschaft interessiert heute die Frage, welche Bodenbearbeitung ist relativ und absolut gesehen Energie sparender? Unter welchen Bedingungen können Böden Kohlenstoff sequestrieren? Aus landwirtschaftlicher Sicht ist die Frage nach der ganzjährigen Bodengare aktuell. Eine durchlässige Bodenstruktur wird mit den heutigen Wetterextremen in allen Klimazonen immer wichtiger. Wie kann ich an meinem Ort dieses Ziel erreichen? Sozialökonomisch ist die Bodenrechtsfrage akuter denn je: Was bedeutet Landgrabbing? Wie können wir den Boden der Spekulation entziehen? Wie kann eine ausserfamiliäre Hofübergabe funktionieren? Wie kann der Boden real als Gemeingut gehandhabt werden? Von unserer Praxis des biodynamischen Landbaus aus lassen sich mögliche Antworten auf diese Fragen finden.

Düngung

Mit der systematischen Düngung ist die Landwirtschaft aus ihren traditionellen Formen in die Moderne eingetreten. Modernes Düngen muss im Denken und Handeln nicht auf Nährstoffersatz begrenzt bleiben, sondern kann viel umfassender angeschaut werden. Das gehört zur Kernsubstanz des biodynamischen Landbaus. Die Grundlage ist die Bildung des landwirtschaftlichen Organismus durch den Menschen. Darin kann die bodengebundene Tierhaltung den richtigen Dünger für die Pflanzenbestände liefern. Die Pflanzen wiederum verlebendigen aus ihrem Lebensvollzug den Boden. Die Düngung erfolgt immer von der oberen Ebene auf die untere, von der Ich-bewussten des Menschen auf die seelische des Tieres, von dieser auf die belebte der Pflanzen und von dieser auf den Boden.

Landwirtschaftlich ist in Europa die Frage nach der Kompostierung wieder viel aktueller als noch vor wenigen Jahren. Wie unterscheiden sich die verschiedenen Methoden der Kompostierung? Wie ist der richtige Umgang mit Düngung und Kompost in meinem Betrieb? In den Tropen sind die Blattdüngung und die Agroforestry ein Thema – welche Praktiken gibt es da, und was kann man davon lernen für andere Klimazonen?

Präparate

Die Präparate sind Düngesubstanzen, aber Dünger ganz eigener Art. Welche Prozesse werden mit ihnen angeregt? Wie ist das Verhältnis von Geist und Stoff , wenn Rudolf Steiner im Landwirtschaftlichen Kurs sagt, dass es darum geht, neue Kräfte aus dem Geistigen ins Irdische zu holen, damit das Leben auf der Erde weiter gehen kann? Neben der Förderung von Substanz-, Lebens-, und Reifeprozessen geht es bei den Präparaten um die Individualisierung einer Landwirtschaft. Ich-Prozesse können in Gang kommen – die Frage ist, wie wir in diesem Bereich wahrnehmungsfähig und kommunikationsfähig werden können? Können wir die sorgfältige handwerkliche Praxis, die innere Beziehung und die soziale Einbettung der Präparatearbeit als sich gegenseitig ergänzend und stärkend erleben? Die praktische Präparatearbeit hat sich über die Jahrzehnte in der ganzen Welt entwickelt. Es gibt eine Diversität, die man als Reichtum erleben kann.

Bodenfruchtbarkeit schaffen ist zunächst eine landwirtschaftliche Aufgabe. Sie kann gefördert und ermöglicht werden durch eine Wissenschaft, die das Verhältnis von Stoffen und Kräften erforscht, durch innovative Formen des Bodenrechts und durch eine Wirtschaft, die durch Kapital den Boden nicht belastet, sondern entlastet. Somit wird die Bodenfruchtbarkeit in einem weiteren Schritt zu einer Kulturaufgabe für alle Menschen in der Gesellschaft, die sich aus Verantwortung für dieses hohe Gut engagieren wollen.

Zum nächsten Jahresthema gehört der Michaelbrief "Des Menschen Sinnes- und Denkorganisation im Verhältnis zur Welt" und seine 3 Leitsätze 171-173 (GA 26).