Dokumentation der Ernährungstagung 2014

Bericht der Ernährungstagung aus den "Schweizer Beiträgen"

Ernährung - ein schöpferischer Prozess. Der Umwandlung auf der Spur.

Internationale Ernährungstagung am Goetheanum

1. - 3. Mai 2014

(Englisch, Deutsch, Französisch)

Ernährung ist Umwandlung: Vom Anbau über die Verarbeitung, das Zubereiten bis zum Essen und Verdauen – alles geschieht im Prozess der Bewegung und Veränderung. Ein Prozess, der von der lebendigen Erde über Pflanzen und Tiere bis zum Menschen führt. Diese „alchemistischen“ Vorgänge der Umwandlung bilden die Qualität der Ernährung.

Wie können wir diese Umwandlungsvorgänge bewusst erkennen, begleiten und im Ernährungsalltag umsetzen? Wie können wir die ursprüngliche Qualität, die in den Pflanzen oder Tierprodukten angelegt ist, so weiter verwandeln, dass es zu einer wirklichen Veredelung kommt?

Nebst der Vertiefung dieser Themen soll die Tagung auch dazu beitragen, dass Menschen und Ernährungsinitiativen aus verschiedenen Ländern sich besser kennenlernen und zunehmend vernetzen. Darum werden verstärkt kooperative und dialogische Methoden angewendet. Die Tagung ist für alle Interessenten offen und dreisprachig (Simultanübersetzung). Workshops finden mehrsprachig statt.

 

Flyer mit Programm und Anmeldetalon

Kurzbeschreibung der Workshops

WS 1: Getreide Umwandlungsprozesse in der Züchtung (DE/EN)

Dr. Isabell Hildermann und Nina Töpfer

Getreide ist seit Jahrtausenden ein wichtiges Grundnahrungsmittel der Menschheit.

In diesem Workshop beschäftigen wir uns mit der langen Geschichte des Getreides und der Rolle des Menschen in der Entstehungsgeschichte dieser wichtigen Pflanzen. Weizen, Dinkel und Roggen sind die Getreidearten, die heute beinahe jeder kennt. Aber wer weiss, was Wild-Einkorn und Wild-Emmer oder auch Grasarten wie das kaum bekannte Aegilops mit unseren wichtigsten Nahrungsmitteln zu tun haben?

Immer schon hat der Mensch Pflanzen intensiv züchterisch bearbeitet und so von Wildpflanzen in Nahrungspflanzen umgewandelt. Über Jahrhunderte wurden diese Züchtungsarbeiten auf dem Feld unter freiem Himmel und unter dem prüfenden Blick des Züchters durchgeführt. Die vielversprechendsten Pflanzen wurden ausgewählt und weiterbearbeitet. Gekreuzt wurden nur solche Pflanzen, die sich unter natürlichen Bedingungen miteinander kreuzen lassen. In neuerer Zeit findet Züchtung zunehmend im Labor im Reagenzglas und immer häufiger auch unter Einsatz von gentechnischen Verfahren statt, die die natürlichen Kreuzungsbarrieren der Pflanzen nicht mehr respektieren. Welche Auswirkungen haben diese unterschiedlichen Verfahren und Herangehensweisen? Wie wirken sie sich auf die Pflanze aus, wenn wir davon ausgehen, dass die Arbeitsweise des Züchters nicht nur die äussere Form der Pflanze beeinflusst, sondern auch deren innere Qualität und Vitalität? Beispiele aus der bio-dynamischen Pflanzenzüchtung zeigen, dass eine zeitgemässe Pflanzenzüchtung auch weiterhin ohne Gentechnik auskommen kann.

WS 2: Ernährung als Grundlage heilpädagogischen Wirkens (DE/EN)
Anita Pedersen und Heinz Fendrich

(max. Teilnehmeranzahl 15)

Ausgehend von der dreigliedrigen Pflanze und ihrer Beziehung zum Menschen, möchten wir die so genannten Mitteabweichungen (früher Krankheitsbilder), die im heilpädagogischen Kurs Rudolf Steiners beschrieben sind, anschauen. Konstitutionsfragen sowie Temperamente können ebenfalls angeschaut werden und Kostproben genossen werden.

WS 3: Lust auf Verwandlungen wie wär's mit Backen? (DE/IT)

Emma Graf und Birgit Hausheer

Ort: Schulküche Dornach*

Max. Teilnehmerzahl: 16

Im theoretischen Teil betrachten wir das Spezielle am Getreide in Bezug auf den menschlichen Organismus. Getreide enthält ein ausgewogenes Verhältnis an Kohlenhydraten, Eiweiss, Mineralstoffen, Ballaststoffen und Vitaminen und kann somit einen Grossteil unseres Tagesbedarfs decken.

In der Praxis verwandeln wir biologisch-dynamische Zutaten zu kleinen, leckeren, gesunden, abwechslungsreichen Mahlzeiten für Kinder, Jugendliche und andere Feinschmecker. In einfacher Zubereitung entstehen Waffeln und Bricelets salzig und süss, Knäckebrote und feine, bunte Brotaufstriche das backen und kosten Sie alles.


WS 4: Fett und Wärme – eine Herzensangelegenheit (DE)

Dr. Petra Kühne und Ulrike von Schoulz

Wir brauchen Fett in der Nahrung, um gesund, gesättigt und zufrieden zu bleiben. Aber Fett kann noch mehr: Es ist wichtig für die Funktionen des Herzens und anderer Organe und spricht uns seelisch und individuell an. Welche Fette ernähren uns? Wie erleben wir ihre Wirksamkeit? Was bedeutet fettarmes Essen?

WS 5: Umwandlungsprozesse in der biodynamischen Landwirtschaft Umwandlungsprozesse im Menschen (DE/EN)

Susanna Küffer-Heer und Dr. Reinhard Kindt

Rudolf Steiner hat 1924 in seinen Vorträgen - bekannt unter „Landwirtschaftlicher Kurs“ - die Grundlagen für die Landwirtschaft beschrieben, welche Erde und Mensch die Zukunft ermöglichen. Eine dieser Grundlagen sind die biodynamischen Präparate. Mit ihnen werden Umwandlungsprozesse in ganz besonderer Weise impulsiert und gestaltet. Sie haben Wirkung auf die Qualität der so erzeugten Lebens-Mittel und damit auf den Menschen. Insbesondere im 8.Vortrag von „Geisteswissenschaft und Medizin” (GA 312) schildert Rudolf Steiner Riechen und Schmecken und ihre Metamorphosen im Menschen.

Nach einer kurzen Einführung zu beiden Themen gehen wir diesen Umwandlungsprozessen in der biodynamischen Landwirtschaft nach. Anschliessend blicken wir auf die Metamorphosen von Riechen und Schmecken im Menschen und versuchen, uns ein Bild der Bedeutung von „lebendigen“ Produkten – wie es die biodynamischen Produkte sind – zu erarbeiten.

WS 6: Vom Ernährungswissen zum Alltagshandeln (DE/EN)

Renate Lendle und Judith Schake

Oft wissen wir viel über gesunde Ernährung, aber wie können wir das im Alltag umsetzen? Wie organisieren wir den Einkauf, die Zubereitung der Mahlzeiten, wie vereinen wir die verschiedenen Bedürfnisse an unsere Ernährung innerhalb der Familie mit ihren verschiedenen Altersstufen und Temperamenten? Wie erhalten wir uns die Freude am Essen? Diese Themen wollen wir gemeinsam bewegen und uns tragfähige praktische Lösungen erarbeiten.

WS 7: Mehr Freude am Essen mit Gewürzpflanzen (FR/DE)

Jean-Michel Florin

Die Gewürzpflanzen haben eine wichtige Aufgabe in der Nahrung, um Umwandlungsprozesse beim Essen und bei der Verdauung zu fördern. Wir werden einige wichtige Gewürzpflanzen (Thymian, Minze, Koriander, usw.) durch Sinneswahrnehmungen (schmecken, riechen und morphologische Beobachtungen) tiefer kennenlernen.

WS 8: Änderung des Ernährungsverhaltens (FR/DE)
Cornelia Vellut und Joël Acremant

Eine Änderung im Ernährungsverhalten führt uns auf subtile Weise, mehr oder weniger bewusst, dazu unsere Beziehungen zu den in den Nahrunsgmitteln enthaltenen Naturkräften zu verändern. Dadurch wird die innere Natur des Menschen auch subtil geändert. Ziel dieses Workshops ist, durch Austausch und praktischen Übungen, zu versuchen diese Änderungen zu verstehen.

WS 9: Ernährung und innere Arbeit (Nebenübungen) (DE/EN)

Sabine Hurwitz

Ernährung – ein schöpferischer Prozess: Wie kann durch innere Arbeit der Prozess der Umwandlung unserer Nahrung begleitet werden? Innere Arbeit als Schöpfung einer neuen Qualitätsdimension in der Ernährung. Anhand der Nebenübungen als ein Beispiel der inneren Arbeit in der Anthroposophie wird an der inneren Haltung gearbeitet, die schöpferisch unseren Alltag durchdringen und auf die Qualität unserer Ernährung Einfluss nehmen kann.


WS 10: Ernährungsbiographie – wie sich das Leben in unserem Ernährungsverhalten spiegelt (DE/EN)

Martina Kallenberg und Claudia Tritschel

Ernährungsbiografie: Was bewirkt Veränderungen in unserem Essverhalten und wie können wir uns in unterschiedlichen Lebensphasen durch angepasste Ernährung unterstützen? Im angebotenen Workshop möchten wir anhand der eigenen Ernährungsbiografie die Möglichkeit geben, sich mit Ernährungsaspekten im eigenen Lebenslauf auseinanderzusetzen, zu bemerken, was in meinem Leben gerade aktuell ist, und wie ich meine Entwicklung künftig durch die Wahl der Nahrungsaufnahme unterstützen kann. Oder hat überhaupt das Leben mit dem Essen etwas zu tun?

WS 11: Wie kann die biologisch-dynamische / anthroposophische Ernährung in der Waldorfschule umgesetzt werden? (DE/FR)

Ina Chesnier, Gilles Daveau und Jean-Chrisophe Daluz

Die Tatsache, dass die Kantinen der Waldorfschulen in Frankreich weit verstreut und relativ isoliert dastehen, gleichzeitig aber mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert sind, wenn es darum geht, tagtäglich Qualität anzubieten, die dann auch als solche anerkannt und gefördert wird, hat u.a. dazu geführt, dass mehrere Kantinen sich in einem Arbeitsprojekt zusammengeschlossen haben, um so effizienter Ressourcen zu bündeln, Überlegungen zu teilen und gemeinsam ein Richtlinien/Qualitätsprojekt in Sachen Schulessen zu erarbeiten. Letzteres soll daran erinnern, dass eine Waldorf Kantine nicht neben, sondern in der Schule ihren anerkannten Platz findet und das wertvolle Miteinander von Köchen, Verzehrern und Verzehrtem zur Basis gesunder Ernährung wird.

Im Rahmen dieser Gemeinschaftsarbeit wurden dabei zwei Entwicklungsschwerpunkte gesetzt:

  1. Untereinander eine gemeinsame, verbindliche Qualitätscharta definieren, die jede Schulküche im Alltag dann individuell umsetzt.

  2. Geimeinsame Fortbildungskurse, um grundlegende Grossküchentechniken und eine gemeinsame Küchenkultur als Ausgangsbasis für weiterführende und vertiefende Konzeptionen, die eigentliche, dynamische Ernährung und ihre Praxis betreffend, zu beherrschen.

    Die drei Leiter des Workshops werden aus ihrer Sicht und beruflichen Erfahrung (Grossküchenausbilder, Schulküchenchef, Verwaltung) heraus das Thema einleiten und moderieren. Im Austausch werden alle Teilnehmer Gelegenheit haben, ihren persönlichen Erfahrungen, Fragen und Erwartungen Ausdruck zu verleihen, gerade auch was die Umsetzung biologisch-dynamisch / anthroposophischer Ernährung in der Waldorfschule betrifft.

WS 12: Hilfe!...Mein Kind will nicht essen…was tun? (DE/EN)
Johannes Kingma und Edmond Schoorel

Ein „Suppenkasper“ macht seine Eltern oft hilflos, unsicher und manchmal wütend. Es gibt unterschiedliche Gründe, weshalb Kinder schlecht essen. Es kann mit der Erziehung zusammenhängen oder im Kind selber begründet sein. Das Kind war oder wird zum Beispiel gerade krank. Es können auch Unverträglichkeiten oder andere Störungen der Verdauung eine Rolle spielen.

Psychologische Gründe können eine Rolle spielen und das Kind verweigert das angebotene Essen zum Beispiel einfach, um sich die erhöhte Aufmerksamkeit der Eltern zu sichern oder um etwas Angenehmes zu erreichen oder etwas Unangenehmes zu vermeiden.

In der Arbeitsgruppe wollen wir die ganze Palette an möglichen Ursachen von Essstörungen betrachten. Methodisch wollen wir so vorgehen, dass wir alle Teilnehmer bitten, eine Fallbeschreibung von einem Kind mit einem klaren Essproblem mitzubringen. Es ist sinnvoll, aber nicht unbedingt notwendig, ein Bild mitzubringen. Die Beschreibungen bilden unsere Arbeitsgrundlagen, die wir zunächst im ersten Teil gemeinsam untersuchen und ordnen. Im zweiten Teil werden wir die therapeutischen Möglichkeiten besprechen. Auch in diesem Zusammenhang bitten wir alle Teilnehmer, eine eigene Erfahrung einzubringen. Diese Erfahrung kann, aber braucht nicht, in Beziehung mit der Fallbeschreibung im ersten Teil zu stehen. Es ist nicht notwendig, dass die Massnahmen Erfolg gebracht haben. Von einer gescheiterten Intervention lernt man häufig mehr, als von einer erfolgreichen.

AG 13 Führung zum Menscheitsrepräsentanten zum Thema Umwandlung (DE, EN, FR)

Esther Gerster
zwischen 10.45-12.15 Uhr Deutsch/Englisch

am Nachmittag zwischen 16.30-18.00 Deutsch/Französisch

(konsekutive Übersetzung)

Treffpunkt im Ausstellungsraum, 4. Stock, Südtreppenhaus

Führung und Kunstbetrachtung bei der Holzsstatue des Menschheitsrepräsentanten zwischen Luzifer und Ahriman mit Bezug zum Tagungsthema „Umwandlungsprozesse in der Ernährung“.

Diese Statue wurde von Rudolf Steiner mit Edith Maryon konzipiert und mit mehreren Mitarbeitenden aufgebaut und geschnitzt. Sie zeigt im Bild die Kräfte und die sie repräsentierenden Wesen, in denen wir täglich stehen. Mit der aktiven Betrachtung können wir gewahr werden, welche polaren Wirkungen in den Lebensprozessen, wie auch dem der Ernährung, tätig sind. Der Umgang mit diesen Kräften fordert uns zu bewusster Umwandlung und zum Ausgleich auf, sodass ein lebendiges, gesundes Gleichgewicht entsteht. In dieser Arbeit können wir es übend erfahren.

Was ist Anthroposophische Ernährung?

Sektionskreis Ernährung

Die Anthroposophische Ernährung orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen des Menschen, hat also keine Ernährungsvorschriften. Sie entstand am Anfang des 20.Jh. als Erweiterung der naturwissenschaftlichen Ernährungslehre, und aus der Berücksichtigung nicht stofflicher Seinsebenen (Ätherischem, Geistigem). Anthroposophie heißt Bewusstheit seines Menschseins, sie wurde von dem österreichischen Philosoph und Wissenschaftler Rudolf Steiner (1861-1925) begründet. Die anthroposophische Ernährung basiert auf dem anthroposophischen Natur- und Menschenverständnis und ist allen Kulturen offen. Im Detail kann die Praxis der anthroposophischen Ernährung in den einzelnen Ländern und Kulturkreisen anders gestaltet sein.

Grundlagen

In der Anthroposophischen Ernährung werden außer Kaft- und Wirkstoffen auch Wachstums- und Reifekräfte (Bilde- und Vitalkräfte) der Lebensmittel als Qualitätsfaktoren mit einbezogen. Daraus leiten sich Ernährungs- und Qualitätsempfehlungen ab. Für die Ernährung sollten die Lebensmittel möglichst aus biologisch-dynamischem Anbau stammen. Bei der Verarbeitung ist es wichtig, dass die hohe landwirtschaftliche Qualität sich fortsetzt und den Bedürfnissen des Menschen entspricht. Die Lebensmittel sollten fair gehandelt werden (fair economy, assoziatives Wirtschaften).

Zudem gibt es Empfehlungen, Rhythmen der Natur (Jahreszeiten) und regionale Produkte einzubeziehen. Aufgrund des anthroposophischen Naturverständnisses werden Wirkungen von Lebensmitteln z.B. von Getreide und Kartoffeln beschrieben, die aber keine generelle Empfehlung für Verwendung oder Weglassen darstellen. Es kann durchaus ein Lebensmittel für einzelne Menschen geeignet sein, während es für andere ungünstig wäre.

Diese Beurteilung beruht auf dem anthroposophischen Menschenverständnis. Hiernach wird der Mensch nicht nur als körperliches Wesen, sondern mit eigenständigen vitalen, psychischen und geistigen Bereichen gesehen. z.B. eine mögliche Differenzierung nach Konstitutionstypen (Temperamenten) oder die Einbeziehung von Körperrhythmen.

Freie Nahrungswahl und Eigenverantwortung

Die Anthroposophische Ernährung lässt den Menschen frei in seiner Nahrungswahl, setzt auf Erkenntnis (Aneignung von Ernährungswissen), Wahrnehmung der Essbedürfnisse (innere Zufriedenheit) und eigenverantwortliche Umsetzung (aktives Handeln). Dies erfordert geistiges Interesse und sensible Sinneswahrnehmungen bzw. deren Schulung von Kind an. In der Ernährungspraxis hat sich eine überwiegend ovo-laktovegetabile Ernährung mit wenig oder ohne Fleisch und Fisch bewährt. Als Grundnahrungsmittel werden die Getreidearten bevorzugt.

Die Sinneswahrnehmungen „Ernährung durch die Sinne“ gelten als wichtige Komponenten der Ernährung. Eine bewusste Esskultur (regelmäßige Mahlzeiten, Ruhe, Essen in Gemeinschaft, gemütliche Tischatmosphäre) wird darüber hinaus als Teil der Anthroposophischen Ernährung verstanden.