Bericht Intensivwoche 2014

Das Neue wird erst künstlerisch erfasst, bevor es in Worten ausgedrückt werden kann.
Konzentierte Stimmung, während jeder Teilnehmer seine Plastik zuende formt.
Tonplastik einer Teilnehmerin.

Leuchtpunkte aus einer intensiven Woche

Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin der Intensivwoche 2014

Sabine Hurwitz

Im Rahmen der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum wird jährlich eine „Intensivwoche - Zukunft gestalten“ angeboten, an der ich Anfang 2014 teilnahm. Die Sektion versteht sich als Plattform für die gegenseitige Befruchtung von individuellen wie gemeinsamen Zukunftswegen. Es ging darum, die innere Struktur von meinen Arbeitsprozessen (es könnten auch andere Fragestellungen sein) zu erleben, sie näher zu erkennen und auf diesem Weg zu erfahren, wie Zukunftsfähigkeit entwickelt werden kann. Ich habe noch nichts Vergleichbares bisher erlebt. Keine andere Arbeit hat mich so liebevoll, interessant, so ganzheitlich und dabei so zeitgemäss an die bei mir anstehenden Themen und Aufgaben herangeführt und mich unterstützt, schon vor Ort meine weiteren Schritte klar und kraftvoll einzuleiten. Noch nie hat ein Prozess so nachhaltig seine Wirkung gezeigt.

In dieser Woche war ich eingebettet in eine Gruppe von 18 Personen. Wir sassen zusammen im wunderschönen Glashaus neben dem Goetheanum. Was haben wir in dieser gemeinsamen Woche gemacht? Um es ganz kurz zu sagen: Wir kamen an unser Kernanliegen. Doch, wie haben wir dies geschafft? Mehrfach waren wir künstlerisch tätig, indem wir plastizierten und malten und täglich Eurythmie machten. Auch verbrachten wir Zeit in der Natur als Gruppe oder zu zweit. Besonders die anfänglichen „Worldcafe“-Kleingruppengesprächsrunden öffneten mir den Zugang zu den anderen TeilnehmerInnen sowie zu meinem Kernanliegen. Rauchten uns die Köpfe, durften wir uns zurücklehnen und interessanten Vorträgen der Veranstalter zuhören. Besonders die künstlerischen Elemente im Wechsel mit dem inneren Bewegen der Kernfragen haben in mir etwas freisetzen können, an das ich allein durch mein Denken nie hätte kommen können. Die Hände formten das, was da aus mir herauskommen wollte. Im Rahmen der Worldcafes gibt es jeweils eine Frage, die in einer kleinen Gruppe bearbeitet wird; dann gibt es eine nächste Frage mit einer neuen Gruppe und neuen Menschen. Bei diesen Worldcafes gibt es klare Regeln und Vorgaben, die einen sicheren Rahmen für einen intensiven Austausch schaffen. Je klarer, genauer und präziser die Frage vom Moderator formuliert wurde, umso schneller kam jeder an den in ihm schlummernden Prozess heran. Jeder kommt zu Wort im Worldcafe. So konnten sich die einzelnen Teilnehmer der grossen Gruppe überraschend schnell und gleichzeitig ehrlich kennenlernen. Es schien mir, dass ich gleich auch ihren inneren Kern mit kennenlernen durfte. Es gab jedoch auch besondere Momente der Stille; eine Dämmerungswanderung, schweigend zum Teil. Immer wieder Zeiten, in denen der Andere einfach nur zuhörte und ich lange reden durfte oder umgekehrt, wo der andere meine aus Ton geschaffene Form beschrieb. Einfach beschrieb, ohne Wertung, ohne Interpretation. In der Form aus Ton steckte ein Teil von mir, und ich bekam wie geschenkt eine mir noch nicht bekannte Seite durch die einfache Beschreibung meiner Tonarbeit durch die Worte des Anderen und seine wertfreie Sichtweise.

Ein Zauber lag für mich in diesem ständigen Wechsel: ich schaue ganz bei mir, dann verbinde ich mich rein künstlerisch mit dem, was da ganz tief in mir hervor kam und ich banne anschliessend in neuen mir zugänglich gemachten Worten die gewonnenen Erkenntnisse beim Journaling (Schreiben) aufs Papier. Dann der Sprung ins andere Extrem: Dialogspaziergang, Vortrag über das Wunder der Bienen oder eine Führung durch das Goetheanum. Es ist dieser gesunde Wechsel im Tagesablauf des Seminars, der dafür sorgte, dass ich nicht überfordert war mit diesem so offenen und auch schnellen Zugang ganz zu mir.

Meine ersten Schritte zur Gestaltung meiner weiteren beruflichen Zukunft veranlagte ich während des Seminars. Erst als grosse Skizze in noch künstlerisch freier Form auf einem sehr grossen Papier mit vielen Farben zur Auswahl. Danach schon enger, da in Worte gefasst, im Beschreiben meines Bildes zu meinen Tischpartnern. Dann noch konkreter, indem ich durch vorgegebene Fragen alles dingfester machen musste. Es steht jetzt schwarz auf weiss auf dem Papier. So habe ich jetzt einen Zeitplan, ich weiss welche Menschen ich involviere und ich kann ebenfalls die Knackpunkte benennen.

Was ist nun das Mysterium dieser hochprozentigen Arbeit?

Bei der Theorie U hat Claus Otto Scharmer in meinen Augen das Beste aus verschiedensten Bereichen und Richtungen auf höchst effektive Weise verbunden. Ich kann viele Elemente aus der Anthroposophie entdecken. Ganz wichtig beim Durchlaufen des Theorie U-Prozesses ist die Kommunikation. Empathisches Zuhören steht im Zentrum und wirkt oft wie ein Schlüssel zu neuen Erkenntnissen des Erzählers. Emphatisch zuhören heisst auch vom anderen aus alles zu erleben. Dabei gibt es keinen Platz für Wertungen, Mitleid, Moral oder Ratschläge. Dies ist so wohltuend. In der Umsetzung ist es aber oft gar nicht so einfach, empathisch zuzuhören und wertfrei zu sprechen.

Claus Otto Scharmer ist ursprünglich ein Demeter-Bauern-Sohn und übt jetzt eine Lehrtätigkeit als Senior Professor am MIT (Massachusetts Institute of Technology, USA) aus. Claus Otto Scharmer lehrt ein neues Lernen und Handeln aus einer im Entstehen begriffenen Zukunft. Dieser innere Ruf, das Gefühl „Da ist etwas, was ich tun muss, obwohl mir nicht ganz klar ist, wie“ bekommt einen neuen Raum zur Entfaltung. Diese Art zu Lernen basiert nicht auf der Reflexion der Vergangenheit, sondern auf dem Erfühlen, Erspüren und dem In-die-Gegenwart-bringen von zukünftigen Möglichkeiten.

Der Theorie U-Prozess verläuft in sieben sinnvoll aneinander gereihten Schritten, die den Verlauf eines U's haben. Der zentralste Schritt ist der in der Mitte unten gelegene Moment des Presencing oder Gegenwärtig-Seins. Beim Presencing wird die Wahrnehmung befreit von der Vergangenheit mit ihren festen Mustern und Gewohnheiten und verlagert, sodass sie aus der Zukunft operieren kann. Dies heisst praktisch, dass ich mich beim Presencing auf eine sehr reale Weise mit meiner „höchsten Zukunftsfähigkeit“ verbinde und sie in die Gegenwart bringen kann. Mit diesem Ansatz wurde es mir im Verlauf der Intensivwoche möglich, mich mit meinen noch nicht manifesten zukünftigen Möglichkeiten zu verbinden und diese in die Welt zu bringen. Ebenfalls sehr kraftvoll an dieser Arbeit empfand ich diese gemachte Erfahrung: Bevor ich vom Seminar nachhause ging hatte ich begonnen meinen neuen Weg zu gehen und tatsächlich schon erste Umsetzungen gemacht! Endlich einmal nach einem Seminar nicht nur tolle neue Theorien und Gedanken im Kopf, die sobald der Alltag wieder eintritt sehr leicht und schnell vergessen werden. Dies ist ein ganz wesentlicher Punkt für die Nachhaltigkeit dieser Methode.

Es ist äusserst schwer den U-Prozess in Worten so zu beschreiben, wie er beim Durchlaufen erlebt wird. Er ist dann überhaupt nicht theoretisch. Mein Presencing-Moment zum Beispiel passierte ganz überraschend für mich unter der Dusche in der Mittagspause zwischen Mittagessenkochen und Kinder trösten. Die Magie des ganzen Prozesses liegt wirklich auch darin, sich durch diese Arbeit in einen wacheren Bewusstseinszustand zu bringen, sodass alltägliche Dinge wie Duschen zu Räumen werden können für Neues, welches entstehen möchte.

Die Arbeit in der Intensivwoche der Landwirtschaftlichen Sektion zeigte für mich so wunderbar auf, welch klare, direkte und tatsächlich für jedermann anwendbare Techniken und Wege es gibt, das Potenzial in uns zu erwecken – immer mit dem liebevollen Blick auch auf den Schatten, doch gleichzeitig mit dem so kraftvollen Impuls der Vision.

Impressionen aus der Feedback-Runde:

„Ich war selten so präsent wie in dieser Woche. Ich habe quasi „durch-gegrinst.“

„Toll, wenn moderne Arbeitsweisen in der Anthroposophie angewendet werden. So mag ich mich gerne mit Anthroposophie auseinandersetzen.“

„ Ich staune immer, welches Potenzial in nicht-begrifflichen, non-verbalen Methoden steckt.“

„Mein Mann und ich haben zwar ein Bett hier in Dornach geteilt, doch kannten wir beide die Frage des anderen nicht. Jetzt haben wir uns ausgetauscht und es war toll zu sehen, dass beide Fragen Hand in Hand gehen. So eine Arbeit haben wir in den 40 Jahren unserer Ehe noch nicht gemacht."

Intensivwoche 2014: Zukunft gestalten

Wissen und Werkzeuge für VerantwortungsträgerInnen der biologischen und biodynamischen Bewegung


12.?17. Januar 2014 am Goetheanum, Dornach/CH


Haben Sie brennende Fragen in Bezug auf Hof, Unternehmen oder Institution? Suchen Sie Methoden, um Ihre Visionen zu realisieren oder Ihre Initiativen und Projekte vorwärts zu bringen? Die Intensivwoche, die vom 12.-17. Januar 2014 am Goetheanum stattfindet, basiert auf dem U-Prozess von Claus-Otto Scharmer und hat zum Ziel Menschen, die in der biologischen und biodynamischen Bewegung aktiv sind, in ihrer Arbeit zu fördern und ihnen Werkzeuge zu geben, um ihre Initiativen weiter zu entwickeln.


Wir steigen für diese Woche dort ein, wo wir aus dem Alltag ausgestiegen sind mit der Frage: Wo stehe ich? Die Standortbestimmung als erster Schritt wird durch den Dialog möglich. In einem zweiten Schritt versuchen wir zu erforschen, welche Ursachen und treibenden Kräfte in uns wirken. In einem dritten Schritt verlassen wir das Gewordene und tauchen in das Werdende ein. Was kommt aus der Zukunft auf mich zu? Stosse ich da an eine Schwelle, kann sie überschritten werden? Im vierten Schritt verdichten wir das Zukünftige, das wir erspürt haben, um dann in einem fünften Schritt einen konkreten Versuch zu planen, das Neue in unsere Alltagspraxis zu bringen und diese so neu zu impulsieren.


Damit ist ein intensiver Weg hin zur Befähigung die Zukunft zu gestalten beschrieben. Intensiv soll auch das gemeinsame und individuelle Erleben in dieser Woche sein. Die Arbeit an der eigenen Frage wird impulsiert und erweitert durch künstlerische Übungen, Beobachtungsübungen sowie Beiträge über Zeitfragen.

Die Veranstalter, Jean-Michel Florin, Ursula Hofmann, Ueli Hurter und Johannes Wirz, sind alle in der biodynamischen Bewegung tätig; praktisch, in Lehre oder Forschung.

Flyer mit Programm per click auf das Bild herunter laden.

Information und Anmeldung

Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum

Hügelweg 59

CH-4143 Dornach

Tel/ Fax +41 61 706 42 12 / 15

sektion.landwirtschaft(AT)goetheanum.ch

www.sektion-landwirtschaft.org