Jahresthema 2014/15

Wie gehen wir würdig mit unseren Tieren in die Zukunft?

Die Tierhaltung in der Landwirtschaft erbringt in vieler Hinsicht eine beispiellose Leistung. Sie steht heute vor grossen Herausforderungen. Dies betrifft erstens die Erkenntnis des Wesens und der Aufgabe der Tiere, zweitens das ethische Verhältnis zu den Tieren und drittens den betrieblichen Alltag. Das biodynamische Leitbild der Integration einer bodengebundenen Tierhaltung in den landwirtschaftlichen Organismus steht auf dem Prüfstand. Das Jahresthema und die Landwirtschaftliche Tagung 2015 sollen uns ermöglichen, die Erkenntnis neu zu vertiefen, in den ethischen Fragen Orientierung zu finden und die betriebliche Praxis kreativ weiterzuentwickeln.

1. Erkenntnis des Wesens und der Aufgabe der Tiere

Die Tierwesenserkenntnis fordert den Schritt vom Lebendigen zum Seelischen. Dieses findet einen differenzierten Ausdruck in der Morphologie, der Physiologie und dem Verhalten der einzelnen Tierarten. Jede Tierart ist hochspezialisiert, indem sich die seelisch bildende Kraft vorzugsweise in ein Organ oder Organsystem ergiesst. Sie ist genial und bringt es zu höchsten Erscheinungen und Leistungen auf ihrem Gebiet – und ist dadurch gleichzeitig gefangen und beschränkt in ihrer Spezialisierung. Im Verhältnis dazu ist der Mensch ein Universalist. In der universellen Konstitution des Menschen – der aufrechte Gang mit den freien Händen, der Sprachfähigkeit und dem bewussten Verhältnis zu sich und der Welt durch das Denken – liegt die Grundlage für das Menschlich-Menschheitliche. Das Seelische und sein leiblicher Ausdruck stehen im Dienste einer individuell anwesenden Geistigkeit, dem Ich. Mit anderen Worten, der Mensch ist nicht, sondern er wird Mensch, biographisch, kulturgeschichtlich, evolutiv. Die Tiere haben diese Möglichkeit nicht. Aber Tier und Mensch gehören zusammen. Die Spezialisierung ist ein Verzicht der Tiere, damit der Mensch ein Werdender bleiben kann. Wie können wir dieses Verhältnis richtig leben? Wie ist in diesem Zusammenhang die Domestikation zu verstehen? Und was bedeutet es für die Tiere und für das Verhältnis von Tier und Mensch, wenn wir ihre Hüllen für die Präparateherstellung verwenden?

2. Ethische Orientierung

Es wird von Jahr zu Jahr nicht einfacher eine gesellschaftliche Akzeptanz für eine vernünftige Nutztierhaltung zu finden. Immer mehr Zeitgenossen empfinden jede Nutzung der Tiere als Ausnützung und sie geben sich die Aufgabe, Wächter des Tierwohls zu sein. Schwierig ist insbeson- dere das Verhältnis zum Töten der Tiere. Die heutige Gesellschaft ernährt sich immer mehr aus Produkten der Massentierhaltung, die nur schon rein über den Preisdruck gefördert wird und es scheint, dass sie das unbewusst schlechte Gewissen in einem überbordenden Liebesverhältnis zu den Kuscheltieren Katze und Hund ausgleicht.

Stehen wir hier nicht vor einer völligen Umdrehung des ethischen Bildes von „Bruder Tier“, das zum Grundbestand aller Kulturen gehört? Das Verhältnis zum Tier erscheint wie ein Prüfstein für die Befindlichkeit der eigenen Menschenwürde. Wie ist hier Orientierung zu finden? Haben wir nicht gerade aus unserem biodynamischen Ansatz, die Tiere als Organe in dem grossen Ganzen des landwirtschaftlichen Organismus zu verstehen, einen praktisch-ethischen Ansatz für die nötige Orientierung? Ist dies nicht eine neu zu entdeckende Grundlage, um aus individueller Souveränität als Tierhalter den Tieren eine agri-kulturelle Beheimatung zu schaffen? Wie können wir das heute authentisch leben? Welchen Beitrag können wir im aktuellen Diskurs in der Gesellschaft leisten?

3. Die Praxis der Tierhaltung

Eine aktuelle Metastudie vom Forschungsring (Vieharme Landwirtschaft – Brauchen wir Tiere für eine nachhaltige Bodenfruchtbarkeit? Meike Oltmanns, 2013) zeigt, dass die Tierhaltung für einen langfristigen Bodenaufbau unabdingbar ist. Es gibt also keine fachlich-sachlichen Gründe vom Leitbild der Integration der Tiere abzurücken.

Allerdings gibt es bei allen Tierarten aktuelle Fragen in Zucht, Fütterung, Haltung; einige Beispiele: Hühner: Bei der Haltung hat der mobile Stall entscheidende Verbesserungen gebracht. Wie sieht es beim Futterzukauf aus, insbesondere mit dem aussereuropäischen Soja? Wie weit sind wir mit der Zucht, damit nicht die Tagesküken des einen oder anderen Geschlechts, je nach Rasse, verschreddert werden müssen? Schweine: Aktuell wird vor allem über die Ebermast diskutiert. Kleine Wiederkäuer: Die Milch von Schafen und Ziegen ist sehr begehrt, die Haltung dieser Tierarten wird zunehmen. Ein Problem ist die Bekämpfung der Parasiten. Kühe und Rinder: In allen Bereichen sind Forschungen und Entwicklungen im Gange. Die Laufställe sind jetzt auf fast allen Betrieben gebaut, die Behornung kann immer besser berücksichtigt werden. Die muttergebundene Aufzucht wird aktuell breit entwickelt, die Grasland basierte Fütterung erlebt eine neue Zuwendung. Bei der Medikamentierung kann noch viel entwickelt werden, insbesondere für das Trockenstellen ohne Antibiotika.

Immer wichtiger werden Aufgaben, die den Tieren aus der Gesellschaft zukommen: in der Pädagogik, der Sozialtherapie, der Therapie und der Freizeit. Wie wird diese Beziehung von Mensch und Tier gelebt?

Früher war der erweiterte Sozialorganismus des Familienbetriebes die Grundlage für die Tierbetreuung. Das funktioniert heute an vielen Orten nicht mehr. Neue Lösungen sind zu finden. Wie kann man neue Vernetzungen mit anderen Betrieben und Allianzen mit Akteuren in der Region bilden? Die viehlosen Winzer haben schon viel Phantasie entwickelt, wie die „Kühe in den Weinberg“ kommen. Für die viehlastigen Betriebe ist die Öffnung noch weniger weit gediehen. Kann die vernünftig integrierte Tierhaltung in den landwirtschaftlichen Organismus in Zukunft noch allein die Aufgabe und die Sorge der Menschen sein, die auf dem Betrieb arbeiten? Braucht es nicht vielmehr zu jeder Herde einen tragenden Umkreis von Menschen, die Mit-Wollen und das in vielfältiger Art umsetzen?

Als Michaelbrief schlagen wir vor: "Wo ist der Mensch als denkendes und sich erinnerndes Wesen?", GA 26

Wir wollen versuchen den Arbeitsprozess mit dem Jahresthema, der Landwirtschaftlichen Tagung und der folgenden Nachbearbeitung, noch deutlicher zu fassen und zu begleiten. Es handelt sich um einen partizipativen Erkenntnis- und Entwicklungsprozess für die biodynamische Landbaukultur.

Literaturliste:

König Karl, Bruder Tier – Mensch und Tier in Mythos Evolution, Verlag Freies Geistesleben Poppelbaum Hermann, Tierwesenskunde, Verlag am Goetheanum
Schad, Säugetier und Mensch, Verlag Freies Geistesleben
Spranger Jörg, Lehrbuch der anthroposophischen Tiermedizin, Haug Verlag

Steiner Rudolf, Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft (GA 327), insbesondere die Vorträge 2, 4 und 8.
Steiner Rudolf, Spirituelle Ökologie, Ausgewählte Texte, R. Steiner Verlag
Steiner Rudolf, Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes (GA 230), insbesondere die ersten drei Vorträge

Steiner Rudolf, Antworten der Geisteswissenschaft auf die grossen Fragen des Daseins (GA 60), Vorträge: Menschenseele und Tierseele/Menschengeist und Tiergeist
Werr Joseph, Neue Wege in der Tierheilkunde, Verlag am Goetheanum