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Landwirtschaftlicher Kurs 1924
Ausstellung



Zur Lage der Landwirtschaft um das Jahr 1924
Zu Beginn der 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die Landwirtschaft von deutlich sichtbaren Umwälzungen ergriffen. Die Orientierung an Technik und Naturwissenschaft und an Rentabilitätsgesichtspunkten wurde vorherrschend. Bereits seit der Mitte des 18. Jahrhunderts war in England Landwirtschaft unter einseitig ökonomischen Gesichtspunkten betrieben worden. Im Jahre 1810 hatte Albrecht von Thaer verkündigt, dass die Landwirtschaft ein Gewerbe zum Zweck der Erzielung von Gewinn sei. Diese Einstellung setzt sich im Lauf des 19. Jahrhunderts immer mehr durch und führte fortschreitend zur unterschiedlosen Betrachtung und Behandlung von Landwirtschaft und Industrie. Innerlich standen viele Bauern dieser Entwicklung mit starken Bedenken und Zweifeln gegenüber.

 

Wege zum Landwirtschaftlichen Kurs Rudolf Steiners
In den Jahren, die Rudolf Steiners Vortragszyklus über Landwirtschaft vorangingen, war er verschiedentlich mit Landwirten und deren Angelegenheiten befasst. Ihre Bekanntschaft mit den Inhalten der Anthroposophie weckte die Frage, was die anthroposophische Geistesforschung für ihre konkrete berufliche Arbeit bedeuten kann.

Ausschlaggebend aber für den Beginn einer Wirtschaftsweise auf anthroposophischer Grundlage war Carl Graf von Keyserlingk (1869-1928). Er war verantwortlich für die 7 500 ha umfassenden 18 Güter, die zu der Zuckerfabrik "Vom Rath, Schoeller und Skene" südlich von Breslau gehörten. Im Jahre 1920 zog der Graf mit seiner Familie in das schlossartige Haus des Guts Koberwitz. Daneben waren seit Beginn der 20er-Jahre Breslau und Koberwitz die Orte, an denen sich die Lebenswege einer ganzen Anzahl meist jüngerer Persönlichkeiten kreuzten. Sie waren für das Zustandekommen des Landwirtschaftlichen Kurses Rudolf Steiners beteiligt und ließen ihr Lebensarbeit konsequent durch diese Anregungen bestimmen.

Am 22. Mai 1922 versandten Immanuel Voegele (1897-1959) und Erhard Bartsch (1895-1960) einen Aufruf an interessierte Landwirte und in einem Schreiben das sie an Rudolf Steiner schickten, heißt es: "Der anthroposophischen Bewegung angehörige Landwirte haben aus der Erkenntnis der Lebensnotwendigkeit ihres Berufs und dessen, was Anthroposophie für deren Erfüllung bedeutet, den lebhaften Wunsch, zeitgemäß in geisteswissenschaftlichem Sinne auf ihrem Gebiet zu arbeiten. Der erste Schritt zur Verwirklichung dieses Zieles wäre wohl getan, wenn Sie, hoch verehrter Herr Dr. Steiner, in einem Kurs oder einer Reihe von Vorträgen die für die Behandlung landwirtschaftlicher Fragen erforderlichen allgemeinen geisteswissenschaftlichen Grundlagen und spezielle Hinweise geben würden." Der Kurs wurde anschliessend von einem Kreis von Menschen vorbereitet. Graf Keyserlingk fasste die Bestrebungen menschlich und sachlich zusammen und legte sie Rudolf Steiner vor.

Ein zweiter Weg der zum Landwirtschaftlichen Kurs hinführte wurde vom Goetheanum aus durch Ehrenfried Pfeiffer (1899-1961) und Günther Wachsmuth (1893-1963) beschritten. In den Jahren 1922/23 traten verschiedene Landwirte an Steiner heran und fragten um Rat, da sie die zunehmende Degeneration des Saatguts und mancher Kulturpflanzen beobachteten. In diesem Zusammenhang war damals das Interesse Pfeiffers und Wachsmuths vor allem auf die ätherischen Bildekräfte gerichtet.

 

Was ist neu am Landwirtschaftlichen Kurs?
In dem noch während der Tagung verfassten Bericht, den Rudolf Steiner für das Nachrichtenblatt der Anthroposophischen Gesellschaft schrieb, sagt er selbst über die Zielsetzung seiner Vorträge: "Ich machte zu (deren) Inhalt das Wesen der Erzeugnisse, welche von der Landwirtschaft geliefert werden, und die Bedingungen, unter welchen diese Erzeugnisse entstehen können. Das Ziel dieser Auseinandersetzungen war, zu solchen praktischen Gesichtspunkten zu kommen, die zu dem heute durch praktische Einsicht und wissenschaftliche Untersuchungen Gewonnenen das hinzuzufügen, was von einer geistgemäßen Beleuchtung der einschlägigen Fragen gegeben werden kann."
Ein gewöhnliches Lehrbuch der Landwirtschaft sind die Vorträge nicht, aber sie eröffnen neue Wege des Verständnisses für die Ganzheit, aus der landwirtschaftliche Erzeugung hervorgeht. Was sich im Anschluss an den Kurs und später unter dem Namen biologisch-dynamische Wirtschaftsweise ausgebreitet hat, umfasst im Wesentlichen drei Dimensionen:

- die Bedingungen, unter denen die Erzeugnisse der Landwirtschaft entstehen
- die in den Vorträgen beschriebenen konkreten Maßnahmen
- die Elemente einer nachhaltig produktiven, umweltpflegerischen Erzeugung einer Nahrung, die die leibliche und gleichermaßen geistig-seelische Entwicklung des Menschen fördert

Selbst wenn der Begriff der ökologischen, organischen und biologischen Landwirtschaft nicht fest umrissen ist, so bezeichnet er doch eine eindeutige Arbeitsrichtung. Demgegenüber kommen bei der biologisch-dynamischen Landwirtschaft die erkenntnismäßige Durchdringung der "Bedingungen der Erzeugung" sowie spezifische Maßnahmen und Anwendungen hinzu.

In beeindruckend geschlossener Komposition des Textes wird in den ersten drei Vorträgen die Landwirtschaft in ihrem irdisch-kosmischen Kräftezusammenhang dargestellt. Dieses für das Ganze zentrale Grundmotiv zieht sich durch den Vortragszyklus hindurch. Es stellt eine völlige Kehrtwendung gegenüber der mechanistisch-materialistischen Kausalanalyse des stofflichen Geschehens in der Landwirtschaft dar. Auf diesem Vorgehen beruhen zwar die ins Auge fallenden agrotechnischen Erfolge der modernen Landwirtschaft. Zugleich ist es aber auch eine der Kardinalursachen für den bedenklichen biologischen Zustand der Erde.

 

Quellen:

Bodo von Plato (Hg.)
Anthroposophie im 20. Jahrhundert -
Ein Kulturimpuls in biografischen Porträts
Dornach/Schweiz: Verlag am Goetheanum, 2003

Prof. Dr. Herbert H. Koepf
Bodo von Plato
Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert
Dornach/Schweiz: Verlag am Goetheanum, 2001

Prof. Dr. Herbert H. Koepf
Dr. med. vet. Wolfgang Schaumann
Dr. sc. agr. Manon Haccius
Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise
Stuttgart: Ulmer, 1996

 

 

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