Projekt II Vorstudie zu einer Ökonomik der Landwirtschaft Das Ideal einer assoziativen Wirtschaft ist in demeter-nahen Landwirtschaft vielerorts ein grosses Anliegen. Die Realisierung lässt jedoch fast überall noch zu wünschen übrig. Kernpunkt einer assoziativen Wirtschaftsordung ist das Zusammenarbeiten aller Marktteilnehmer. Das setzt voraus, dass man in die jeweiligen Wirtschaftsbedingungen des anderen Marktteilnehmers Einsicht gewinnt, um ein Verständnis für dessen Situation zu entwickeln. Es fällt in Gesprächen häufig auf, dass wesentliche Marktpartner im Ökomarkt wenig Verständnis dafür haben, was Landwirtschaft in ihrer Wirtschaftsstruktur im Kern ausmacht. Um eine förderlichere assoziative Wirtschaft zu ermöglichen, sollen in dem vorliegenden Projekt die Charakteristika landwirtschaftlichen Wirtschaftens herausgearbeitet werden.
In Zeiten einer zunehmenden Konventionalisierung des ökologischen Landbaus und der Industrialisierung der Landwirtschaft im Allgemeinen wird es darüber hinaus notwendig, die Besonderheiten einer Ökonomik der Landwirtschaft herauszustellen und die spezifischen Beziehungen der Landwirtschaft zum heutigen Wirtschaftsleben zu skizzieren.
Einleitung und Ausgangssitualtion Bis in die heutige Zeit ist die Geschichte der Agrarwissenschaften auch eine Geschichte der Beschäftigung mit dem Thema Bodenfruchtbarkeit. Agronomen haben, angefangen bei YOUNG (1741-1820) und THAER (1752-1828), u.a. über AEREBOE (1889-1970) bis in die neueste Zeit, die Entwicklung von Theorien zur Bodenfruchtbarkeit mitgeprägt. Es überrascht daher, dass erst im Jahre 1994 durch DABBERT eine Arbeit zur „Ökonomik der Bodenfruchtbarkeit“ verfasst wurde, die versucht, die Entwicklungslinien von Theorien zur Bodenfruchtbartkeit bis in die Gegenwart nachzuzeichnen. In dieser Arbeit wird Bodenfruchtbarkeit als ein wichtiges Produktionsmittel in der Landwirtschaft bezeichnet. Die Praxis ordnet „Produktionsmittel“ überwiegend den natürlichen Ressourcen oder den von Menschen hergestellten Produktionsmitteln zu. Anhand der Theorien natürlicher Ressourcen (PEARCE und TURNER 1990, SIEBERT 1983) und den Theorien zur Herstellung von Produktionsmitteln wird jedoch deutlich, dass keine der Theorien ausreichend der Sonderstellung der Bodenfruchtbarkeit gerecht wird. Diese Erkenntnis war für DABBERT der Ausgangspunkt, eine eigene Ökonomik der Bodenfruchtbarkeit zu entwickeln (DABBERT 1994). Dieser Ökonomik liegt die Ansicht zu Grunde, dass es sich bei Bodenfruchtbarkeit sowohl um eine natürliche, als auch um eine produzierte Ressource, und somit, wie bereits oben erwähnt, um ein Produktionsmittel handelt. Bei diesen handelt es sich um Arbeitsmittel, die zur Herstellung bzw. Fertigung bestimmter Erzeugnisse erforderlich sind, stofflich jedoch nicht in die jeweiligen Endprodukte eingehen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es sich bei der Steigerung der Bodenfruchtbarkeit nicht um die eigentliche „Produktionsleistung“ des Landwirts handelt, auf dessen gesteigerter Naturgrundlage sich eine kosmisch-terrestrisch bedingte Sekundärproduktion anschliesst. In dieser wäre der Landwirt mehr oder weniger flankierend als Gestalter in der Landwirtschaft tätig. In diesem Zusammenhang stellt sich darüber hinaus die Frage, ob der Landwirt nicht allein schon im Erhalt und der Pflege der Bodenfruchtbarkeit u.a. als aktiver Gestalter und Richtungsgeber und weniger als Produzent im engeren Sinne wirksam ist? Dieser Umstand, ob der Landwirt in Bezug auf die Produktionsgüter „Produzent“ oder „Gestalter“ ist, soll Untersuchtungsgegenstand dieser Studie sein.
Ein weiterer Aspekt ergibt sich in der Auseinandersetzung mit so genannten Input/Output-Systemen. Produktionssysteme werden innerhalb der Betriebswirtschaftslehre häufig als Input/Output-System bezeichnet. Hierzu wird ein Input an Arbeit, Material usw. eingesetzt, um in einem Transformationsprozess Güter (Output) zu generieren. In der Landwirtschaft fliessen neben dem materiellen und immateriellen Input (im Sinne von Know how und Arbeit) auch Faktoren mit ein, die beispielhaft von den kosmischen Wirkungen und den unmittelbar vor Ort bestimmenden Faktoren wie Boden- und Klimaverhältnisse abhängig sind. Daran wird deutlich, dass in der Erzeugung landwirtschaftlicher Güter eine Reihe von Faktoren bestehen, die der Landwirt nur eingeschränkt gestalten kann. Hier knüpft die Frage an, inwieweit in der Landwirtschaft, im Zusammenhang mit der vermuteten eingeschränkten Handlungsfähigkeit, ein Input/Output-System im üblichen Sinne besteht.
Landwirtschaft ist u.a. der gezielte Anbau von Pflanzen und die Nutzung von Tieren für die menschliche Ernährung. Die landwirtschaftlichen Produkte nehmen für den Menschen, gegenüber anderen Konsumgütern, eine zentrale und lebensnotwendige Stellung ein. Unabhängig von sich verändernden Verzehrgewohnheiten besteht somit eine konstante Nachfrage nach landwirtschaftlichen Gütern. Der Antragsteller vermutet, dass die Landwirtschaft auch in diesem Punkt eine Sonderstellung innerhalb der Wirtschaft besitzt und daher einen spezifischen Umgang nahelegt.
Eine weitere Besonderheit der Landwirtschaft zeigt sich dadurch, dass sie, neben der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte, kulturlandschaftsbildend wirksam ist und eine ganze Reihe weitere externer Effekte mit sich bringt (HOLST, 2003). Die in der Landwirtschaft gestaltete Kulturlandschaft, welche überwiegend, zumindest unter herkömmlicher Betrachtung, ein monetär nur schwer zu bestimmendes „Nebenprodukt“ des eigentlichen Unternehmenszieles darstellt, ist zugleich der „Boden“ für die Entstehung künftiger landwirtschaftlicher Güter. Eine wesentliche Bedeutung der Landwirtschaft scheint auch darin zu liegen, dass diese die Beziehung des Menschen zu den Naturreichen gestaltet und damit einen kulturellen Zukunftsaspekt besitzt, der weit über die Landwirtschaft hinausgeht. Es soll daher die Fragestellung verfolgt werden, inwiefern Landwirtschaft als kulturschaffender Wirtschaftsbereich innerhalb der Volkswirtschaft eine Sonderstellung einnimmt und inwiefern der Ansatz gesellschaftliche Leistungen gesondert zu honorieren zielführend ist.
Veränderungen am Markt fordern zunehmend flexible Reaktionen und steigende Reaktionsgeschwindigkeiten von Organisationen. Erfolg und Wachstum im Wettbewerb werden laut einer Studie der ECONOMIST INTELLIGENCE UNIT zukünftig stark von der hohen Anpassungfähigkeit eines Unternehmens abhängig sein. Auch hier scheint die Landwirtschaft ein gewisse Sonderstellung einzunehmen. Es stellt sich die Frage, in welchem Umfang beispielweise Fruchtfolgen, Jahreslauf, begrenzte Möglichkeiten einer kurzfristigen Produktionsmengenanpassung, Verderblichkeit und begrenzte Lagerfähigkeit landwirtschaftlicher Güter sich negativ auf die Anpassungsfähigkeit gegenüber veränderten Marktgegebenheiten auswirken.
Die angeführten Punkte und Fragen legen nahe, dass es einer „Ökonomik der Landwirtschaft“ bedarf, die den Besonderheiten der Landwirtschaft gerecht wird. Eine „Ökonomik der Landwirtschaft“ könnte auch aufzeigen, inwiefern Landwirtschaft kein Wirtschaftsbereich im herkömmlichen Sinne ist und welche spezifischen Beziehungen zum heutigen Wirtschaftsleben bestehen.
Ziel dieser Vorstudie ist, für die oben beschriebenen Zusammenhänge ein Bewusstsein zu schaffen, Fragestellungen aufzuspüren und darzustellen, um einen Beitrag zu einem assoziativen Wirtschaftsprozess zu leisten.
Spenden zur Unterstützung der Projektaktivitäten sind herzlich Willkommen!
KontaktSektion für Landwirtschaft am Goetheanum Hügelweg 59 CH-4143 Dornach eMail: Sektion für Landwirtschaft |
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