Landwirtschaftliche Tagung7. bis 10. Februar 2007 am Goetheanum Kohlenstoff und Klimawandel Wie gestalte ich die Humusprozesse in der Landwirtschaft?
Es war wieder soweit; am Mittwoch, den 7. Februar versammelten sich fast 600 Menschen zur grossen Landwirtschaftlichen Jahrestagung der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum.
Das Thema hätte aktueller nicht sein können: “Kohlenstoff und Klimawandel – Wie gestalte ich die Humusprozesse in der Landwirtschaft?” Nur vier Tage zuvor ging der grosse Klimagipfel in Paris zu Ende. Am Samstag, den 3.2.2007, konnte man der internationale Pressestimme im Radio gewahr werden: Alle Titelseiten weltweit sprechen mit unterschiedlichsten Schwerpunkten über das Klimaproblem, aber allen liegt die Botschaft gemeinsam: Du Mensch, die Menschheit, sitzt im gleichen Boot, Handlungsbedarf sofort und überall!
Daran knüpfte die Regierungsrätin Barbara Schneider aus dem Kanton Basel-Stadt an, die die Tagungsteilnehmer begrüsste und ihrer Erwartung Ausdruck gab, dass Lösungsansätze in der Landwirtschaft, besonders der biologischen und biologisch-dynamischen, vorhanden sind und ergriffen werden müssen. Dazu forderte sie die biodynamische community auf, ihre Forschungsergebnisse breiter mit der Öffentlichkeit zu teilen.
Auch Nikolai Fuchs, Leiter der Sektion für Landwirtschaft, wies in seiner Einleitung darauf hin, wie seit „Kathrina“, dem Wirbelsturm in New Orleans im August 2005, der Klimawandel und die allgemeine weltweite Betroffenheit darüber im Bewusstsein der Menschheit angekommen ist. Nikolai Fuchs formulierte die Frage: Kann es sein, dass nur der Staat, also der grosse Anonymos, d.h. die Kollektivität, erwartungsgemäss handeln muss oder ist der Mensch als Individualität gefragt in Freiheit zu handeln?
Wie ist das mit dem Humus? Was kennzeichnet Humus und Kohlenstoff? Christoph Willer zeigte als Landwirt und jahrelanger Verantwortlicher für die praktische Präparatearbeit in seinem anschliessenden Vortrag seine Erfahrungen mit Kompost und Stallmist (Dünger) auf. Wohlgemerkt: nach Willer sind das zwei verschiedene Stoffe: Der Kompost, mehr aus Pflanzenabfällen bestehend und zum Erdigen gewordenes Material, ist Humusträger und fördert durch seine hohe Strukturierungsfähigkeit die Reproduktionsseite der Pflanze (Saatgut). Dagegen fördert der verrottete Stallmist mehr die Nahrungsseite unserer Kulturfrüchte. Beide haben den Kohlenstoff in sich, aber auf unterschiedliche Weise.
Diese faszinierende Substanz, dem Kohlenstoff, widmete sich Gunter Gebhard in seinem Abendvortrag. Gebhard lies in den Teilnehmern diesen „magischen“ Stoff in sehr lebendiger Art von der schwarzen Kohle bis hin zum Feuer des Diamanten aufleuchten. Dieser als Kohle alles Licht verschluckende in der Verbrennung selber gasförmig werdende Kohlenstoff, mit Wasser sich vereinend zu Zucker in der Pflanze werdend, wird wiederum zum „Brennstoff“ innerhalb der höheren Organismen. Bei immer höherem Druck entgeht der Kohlenstoff dem physikalischen Gesetz „je dichter, desto finsterer“. Er verschwindet quasi und ersteht neu als härteste und strahlendste Substanz als Diamant.
In einem grossen Wurf stellte am Abend des zweiten Tages der Tagung Volker Harlan, Priester und Hochschullehrer die Entwicklung der Erde und ihrer Lebewesen dar und wie der Mensch durch den Kunstgriff des Kompostierens die Natur anregt, den Kulturpflanzen höchst förderlich zu sein. Es wurde deutlich, wie der innere Kompost der Anthroposophie zu einer Keimungsstätte lebendiger Gedanken werden kann.
Am Morgen des dritten Tages sprach in eindrücklicherweise Hartmut Graßl, einer der führenden Klimatologen und bis 2005 Direktor des Max-Planck-Instituts für Meterologie, über die Rolle der Landwirtschaft im globalen Klimawandel. Graßl kam gerade als Mitglied des UNO-Expertengremiums Klimawandel von der Vorstellung des UNO-Klimaberichtes in Paris. Sehr eloquent, schnell und fachkundig beeindruckte er die Tagungsteilnehmer mit sehr interessanten und wertvollen Informationen. Die so genannten Treibhausgase wurden hierbei sehr differenziert betrachtet. So ist z.B. Wasserdampf das verbreitetste klimarelevante Gas, dagegen kommt Methan (CH4) mengenmässig in relativ sehr geringen Mengen vor, ist aber in seiner Wirkung wesentlich bedeutender. Nur etwa 20% des überschüssigen CO2 werden durch die Meere aufgenommen und die restlichen Mengen führen u.a. zur Überdüngung der Wälder, die gewissermassen gemästet werden. Ein von ihm vorgestelltes Ergebnis des Berichtes war auch, dass der Meeresspiegel und die Temperaturen schneller als vermutet steigen.
Nun war auch vieles von dem den Teilnehmer bekannt. Es entstand die Empfindung der Machtlosigkeit, dem Ausgeliefertsein, deren man sich auch im Zuge der wohlmeinten Lösungsvorschläge wie Ökosteuer und Wüstenstrom nur schwer entziehen konnte. Im Anschluss dieses Vortrages wurde wiederum deutlich, dass es eine wirkliche Lösung nur dann geben kann, wenn der Mensch wieder an den Menschen herankommt, an seinen Nächsten und sich selber. Die gezeigten Daten und Statistiken wurden wohl vielfach innerlich zur Kenntnis genommen und abgehakt, da sie nicht zu den Herzen der Menschen sprechen. Nur eine Sprache, die aus wahrer Menschen- und Naturerkenntnis entspringt, wirkt heilend.
Manfred Klett, ehemaliger Leiter der Landwirtschaftlichen Abteilung am Goetheanum gab mit seinem Vortrag Einblicke in die Gesetzmässigkeiten der Humusbildung und -lenkung, in den Rhythmen der Natur und das Eingreifen des Landwirts in der Düngung, Bodenbearbeitung und Fruchtfolge. Der Kohlenstoff zeigt in der organischen Chemie des Humus eine ähnliche Komposition wie das Eiweiss in den höheren Organismen. Seine höchste Oxydationsstufe ist das CO2, und nur die lebendige Pflanze kann dieses tote Gas in einen lebendigen Zusammenhang bringen. So wird der Sauerstoff der Lebensträger von Boden, Tier und Pflanze, dagegen tritt der Kohlenstoff als Plastiker der Pflanzenform auf. Die Humusschicht ist das Zwerchfell der landwirtschaftlichen Individualität, der Unterboden der Kopf- und das nahe Kosmische der Stoffwechselpol. Der Humus verbindet den Makro- mit dem Mikrokosmos (Humus = human). Klett beschrieb weiter, wie der Dauerhumus das Endprodukt des Erdigen mit dem Erdigen ist, eine Art Universalsame der das Geistige im Kohlenstoff bewahrt.
Nach einer sehr gelungenen Quartett-Aufführung (Gemauxquartett Luzern) mit Werken von Schönberg und Mozart schlug Nikolai Fuchs in seinem Abschlussbeitrag nochmal die Brücke zu jedem Menschen. Es wäre jetzt ja nicht mehr nur ein Umdenken, sondern ein Umhandeln angesagt. Bei aller Verunsicherung über das ob und was jedes Tuns kann es eine Hilfe sein, sich seiner vorgeburtlich gefassten Entschlüsse zu erinnern.
Diese Darstellungen und Vorträge habe ich mit Interesse verfolgt. Sie sind mir die Grundlage, um das innere Feld des Tagungsthemas weiter zu bearbeiten.
Es wurde eine grosse Anzahl an Foren, Fach- und Arbeitsgruppen zu sehr spannenden Fragen und Themen und eine Reihe unterschiedlicher künstlerischer Kurse angeboten. Da man jeweils nur eine dieser Gruppen besuchen kann, wurde die Wahl leicht zur Qual.
Neben anderen leitete ich die Fachgruppe zum Leitsatzbrief, der am Morgen von Thomas Lüthi sehr klar gelesen und von ihm mit aus der Beobachtung und dem Lebendigen entspringenden Kommentaren gut erläutert wurde. So hatten wir reiches Material zur Vertiefung einzelner Aspekte in diesem wohl umfangreichsten aller Leitsatzbriefe von Rudolf Steiner. (Ein Weihnachtsgeschenk Rudolf Steiners) So besprachen wir beispielhaft den Demeter-Persephone-Mythos und was die Aussage „Die Tiere sind vom Kosmos auf die Erde hineingestellt. Sie haben sich mit der Erde nicht verbunden.“ zu bedeuten hat.
Leider gab es nur einen Termin für die Foren „Sind unsere Höfe Eure Höfe?“. In diesen begegneten sich „Jung“ und „Alt“, um sich den kleinen und grossen Reibereien und Entäuschung zuzuwenden, die, trotz ähnlicher Ideale, im Alltag Menschen nicht zur Zusammenarbeit kommen lassen. Hier wurden u.a. die Hofübergaben von einer Generation zur nächsten und die Integration neu hinzukommender Familien in Hofgemeinschaften besprochen. Ein Auftakt und erster Schritt in einer hoffentlich weitergeführten Folge von Foren, welche klärend auf die wichtige Fragen für die Fortdauer der Landwirtschaft.
Nicht vergessen will ich die Abendveranstaltungen – einmal die Eurythmieauffünrung Eleusis mit Musik von Frank Michael Beyer, die an den morgendlich behandelten Persephone-Mythos anschloss, und dann die wunderschöne Theateraufführung der Minna von Banhelm von Lessing. Sehr gelungen. Wir haben aus Herzen gelacht und uns gefreut wie die Schneekönige!
Das ganz besondere bei der Tagung am Goetheanum ist die grosse Lebendigkeit, das Gesumme und Geschwirre während den Pausen in den Hallen und Gängen mit interessanten Ausstellungen und Präsentationsständen - Kommunikation pur. Sechs junge Menschen, die längere Zeit auf unserem Hof gelebt und gearbeitet haben, traf ich an.
Danke Goetheanum
Karl Ebermann (FR; Landwirt und Mitglied des Vertreterkreises der Sektion für Landwirtschaft) |