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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25 January 2005
Normierung macht Europas Biobauern das Leben schwer / Demeter-Verbandfordert Vorrang für Qualität
Brüssel, 24. Januar

Die Bandbreite der in Brüssel ansässigenInteressenvertretungen reicht von der Europäischen Bankenvereinigung (FBE) bis zur Spitzenorganisation der Obdachlosen (Feantsa). Seit zwei Jahren mischt auch Demeter International im vielstimmigen Chor der Lobbyistenrings um die EU-Institutionen mit. Brüsseler Sachwalter von 3200 Betrieben in 35 Ländern, die sich der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise verschrieben haben, ist seither Andreas Biesantz. Der aus Hessen stammende promovierte Biologe, der zuvor zwei Jahrzehnte in der Forschung tätig war, versucht bei EU-Beamten, Parlamentariern und Vertretern anderer Verbände Gehör für die nicht ganz alltäglichen Anliegen seiner Klientel zu finden.Der "ökologische Landbau", der ohne chemische Schädlingsbekämpfungsmittel und Kunstdünger auskommt, ist spätestens seit Oktober 2004 in Brüssel bekannter geworden. Damals verabschiedeten die EU-Agrarminister einen 21-Punkte umfassenden sogenannten Aktionsplan, der den Markt für Ökoerzeugnisse fördern und für klare Qualitätsstandards und Kontrolle der auf diese Weise hergestellten Erzeugnisse sorgen soll. Der auf Rudolf Steiners Erkenntnissen beruhende biologisch-dynamische Anbaugeht noch einige Schritte weiter. Er verfolgt das Ziel eines Hofkreislaufs,bei dem Boden, Pflanzen und Tiere einen harmonischen Betriebsorganismus bilden. Dazu zählen zum Beispiel eigenes Saatgut, Futter sowie auf dem Hof durch die Rinderhaltung gewonnene Dünger- und Bodenpräparate. Nur auf diesem Weg hergestellte Lebensmittel erhalten das ursprünglich auf das Jahr 1928 zurückgehende Markenzeichen "Demeter". Mit einer Anbaufläche von insgesamt rund 100.000 Hektar, davon rund die Hälfte in Deutschland, erzielten die angeschlossenen Demeter-Betriebe im vergangenen Jahr international einen Umsatz von rund 300 Millionen Euro. Daß Demeter-Produkte häufig ihren Preis haben können, zeigt sich beim Blick in die Ladenregale. Als Faustregel gilt zum Beispiel, daß die Erzeugerkosten für Biomilch um rund zwei Cent über den Ladenpreisen für Produkte aus konventioneller Viehwirtschaft liegen. Auch dies muß Biesantz seinen Gesprächspartnern immer wieder erläutern. Ein Verbündeter ist der ebenfalls in Brüssel präsente Internationale Dachverband der ökologischen Lebensmittelwirtschaft (Ifoam). Dieser nehme jedoch die Interessen der Ökolandwirtschaft insgesamt wahr. Wie schwer sich selbst EU-Fachbeamte lange Zeit mit den Eigenheiten des biologisch-dynamischen Anbaus getan haben, weiß Biesantz aus eigener Erfahrung. Vor zwei Jahren habe er einem Kommissionsmitarbeiter die Anliegen des biologisch-dynamischen Anbaus erläutert. "Hätte ich gewußt, daß es Sie gibt, hätten wir zum Beispiel in dem beschlossenen EU-Hygienemaßnahmen-Paket Ihre besonderen Produktionsmethoden berücksichtigen können." Biesantz führt dieses Beispiel nicht nur an, um auf Versäumnisse seiner Zunft bei der Interessenvertretung in Brüssel hinzuweisen. Es ist auch ein Hinweis darauf, daß bis heute die hochgradig vergemeinschaftete EU-Agrar- und Verbraucherpolitik vor allem auf die Bedürfnisse großer landwirtschaftlicher Betriebe sowie Lebensmittelproduzenten zugeschnitten ist. Die meist kleinen und mittleren Betriebe des Ökolandbaus, die sich im Anbauverband Demeter zusammengeschlossen haben, sehen sich so häufig Vorschriften unterworfen, die Erfolge am Markt erschweren. Biesantz erläutert dies an einem Beispiel: In Demeter-Betrieben werden zur Herstellung von Dünger- und Bodenpräparaten zum Beispiel Rinderdärme sowie Hirschblasen verwendet als Hüllen für zu fermentierende Heilpflanzen. Diese tierischen Bestandteile gelten jedoch seit dem Ausbruch der Rinderseuche BSE in den neunziger Jahren als hoch riskant. Da die Europäische UnionDeutschland nach wie vor nicht als seuchenfrei einstufe, müßten jene Därme importiert werden. In Gesprächen mit der für die Lebensmittelsicherheit zuständigen Abteilung der Kommission will Biesantz jetzt nach dem Vorbild der Schweiz ein Lösungsmodell anbieten, das dennoch den Fortbestand der spezifischen Demeter-Produktionsverfahren sichert. "Da in unseren Betrieben ohnehin nur hofeigene Produkte verfüttert werden, besteht keine Gefahr einer Verseuchung durch die Därme", erklärt Biesantz. Ähnlich kritisch äußert er sich zu einer seit 1996 geltenden EU-Richtlinie,die alle Hersteller von Babynahrung auf Getreidebasis verpflichtet, hohe Dosen von Vitaminen hinzuzufügen. "Der Richtwert ist so hoch, daß er sich selbst mit hochwertigem Vollkornmehl und optimalen natürlichen Herstellungsverfahren nicht einhalten läßt", sagt der Brüsseler Demeter-Vertreter. Bei der jetzigen Gesetzeslage kämen Eltern daher oft nicht umhin, ihren Kindern hochgradig mit künstlichen Vitaminen angereicherte Babynahrung darzureichen. Biesantz und eine allmählich auch in den EU-Institutionen wachsende Scharan Mitstreitern sehen hierin Auswüchse einer zu uniformen Gesetzgebung. "Unser Ziel ist es, in den EU-Verordnungen ausreichend Freiraum dafür zu schaffen, daß die biologisch-dynamische Landwirtschaft weiterarbeitenkann", sagt Biesantz. Die Kontrollbehörden sollten einsehen, daß sich die Euro-Normen auch auf anderen als den standardisierten Wegen einhaltenließen. Hinzu komme, daß die biologisch-dynamische Landwirtschaft auch für die Gesellschaft wichtige soziale und heilpädagogische Aufgaben erfülle,die zum Beispiel in der EU-Förderpolitik überhaupt nicht berücksichtigt würden. Biesantz sieht auch eine andere besorgniserregende Tendenz in dereuropäischen Verbraucherschutzpolitik: seit einigen Jahren werde mit Hilfe technokratischer Verordnungen und Hygieneregeln versucht, Lebensmittel "sicher" zu machen. Studien des Forschungsrings für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise in Darmstadt zeigten indes, daß diese Politikwirtschaftliche Strukturen fördere, die standardisierte Massenware begünstigten. Durch "naturferne" Erzeugungsbedingungen und hochtechnische Verarbeitungsverfahren auf den Markt geworfene Nahrungsmittel erschienen zwar als hygienisch möglichst einwandfrei, keimfrei, haltbar und billig. In der Forschung gebe es aber auch mahnende Stimmen, die agrarindustriellerzeugten Nahrungsmitteln eine "bedenkliche Wirkung auf die geistige Leistungsfähigkeit" der Menschen zuschrieben. "Wieviel Keimfreiheit wollen wir eigentlich? In absolut steriler Atmosphäre kann sich doch keine Widerstandskraft entwickeln", sagt Biesantz. Sogar die Armee eines afrikanischen Staats oder die Gäste des Betriebsrestaurants eines Keksfabrikanten in Hannover kämen in den Genuß von Demeter-Produkten, berichtet Biesantz. Nicht jeder Betrieb werbe jedoch damit. Manche bio-dynamischen Winzer hüteten sich davor, weil einige klassische Kunden noch stets bei einem Öko-Siegel die Nase rümpften. Dagegen etikettiert ein Produzent aus Courteron in Frankreich seinen Champagner stolz mit dem Demeter-Qualitätssiegel.

Nähere Auskünfte bei Demeter International
Büro Brüssel
fon + 32/2/646 21 17
fax +32/2/647 70 47
eMail: Demeter Brüssel
www.demeter.net

Informationen über die EU-Förderpolitik zum ökologischen Landbau finden sie hier: Europäische Union