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Lebendig Erde
Zeitschrift für biologisch-dynamische Landwirtschaft, Ernährung, Kultur 2/2005
Das „kosmische Element“ wieder ins Bewusstsein gerückt
Bericht zur letzten Tagung "Landwirtschaft und Kosmos"
von Michael Olbrich-Majer

Über 500 Biodynamiker aus aller Welt trafen sich bei der Landwirtschaftlichen Tagung am Goetheanum – Sternenwirken nur durch geübte Wahrnehmung erfahrbar

Dornach (NNA). Wem sagt der Kosmos heute noch etwas? Seefahrer und Sterndeuter benutzen Computer, im Firmament werden keine Götter mehr verehrt, sogar Astronomen schauen nicht mehr direkt ins All, sondern schließen aus den Daten hochkomplizierter Prozeduren und Geräte auf das, was unseren Planeten umgibt. Und auch bei den Landwirten und Gärtnern, deren Arbeit ja direkt vom nächsten Stern, der Sonne abhängt, sind es nur ein paar tausend auf der Erde, die der Sternenwelt mehr als nur Wettereffekte zutrauen. Fast 580 Menschen aus aller Welt, die sich mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft beschäftigen, trafen sich im Goetheanum in Dornach zur jährlichen Tagung, die diesmal den Beziehungen von Erde und Kosmos nachging, ob und wie der Mensch sie gestalten kann.

Die Hochschule für Geisteswissenschaften – eine Idee Rudolf Steiners – ist vielleicht der rechte Ort dafür, liegt doch sowohl dem physischen Bau – man betrachte nur die kosmischen Bezüge der Glasfenster oder der Deckengemälde - als auch dem geistigen Gebäude der Anthroposophie der Gedanke von der Suche nach dem „Geistigen im Weltenall“ zugrunde. Veranstalter der seit 1926 stattfindenden Tagung war der Bereich Landwirtschaft an der Hochschule, der seit November eine eigene Sektion neben der naturwissenschaftlichen Sektion ist.

War für viele Jahrtausende der Kosmos das Sinnbild für Harmonie, lebten die Menschen intensiv mit den Eindrücken, Bildern und Bewegungen am Sternenhimmel, so gibt er uns heute nicht einmal Rätsel auf. Pläne für gigantische Sprengungen, die den Mars verändern sollen, berühren kaum: Für die meisten Menschen spielt das Weltall keine Rolle in ihrem Leben, vielleicht noch im Kino. Dabei war es einmal ganz anders: Orientierung an den Sternen gestaltete den Alltag, Astronomie war lebensweisend, ob im alten Ägypten in Babylon oder China. Das allmähliche Sich – Finden des Menschen mit Hilfe der Himmelserkenntnis ist Grundlage für unsere menschliche Kultur – man denke an die Tempel von Stonehenge bis zu den Mayas oder unsere Wissenschaften, deren Ursprung in der Astronomie liegt.

Und heute? Erleben wir noch die Welt als Klang – wie Tagungsleiter Nikolai Fuchs von der landwirtschaftlichen Sektion der Hochschule den Autor J.E. Behrendt zitierte? Von der Harmonie der Planetensphären schrieb einst Kepler. Vielleicht müssen wir nur wieder lernen, zu hören, und vielleicht hören wir darüber hinaus auch eine Aufforderung an uns aus der Welt jenseits der Erde – so gab Fuchs zum Auftakt Grundfragen der Tagung an: Wie können wir Kosmisches und dessen mögliche Wirkungen überhaupt erkennen, und: ist der Mensch durch sein Bewusstsein nicht auch Bindeglied zwischen elementarer und geistiger Welt und hat so Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeit zugleich?

Sehen wir noch etwas, wenn wir den Blick in einer klaren Nacht nach oben richten? Das fragte die Züchterin Brigitte von Wistinghausen. Und wirklich, es ist mühsam: nicht nur, dass man einen steifen Nacken davon bekommt. Es braucht auch ein gehöriges Maß an Übung, Erinnerung und Abstraktionsfähigkeit, um da oben zurecht zu kommen: Sternenkunde als Kulturfaktor in der Menschheitsgeschichte, als eine Hilfe, sicher und richtig denken zu lernen. So ist auch unser Bild der Sterne heute noch von Bedeutung, weniger als Denkschule, denn als Ethik bzw. moralisches Verhalten hervorbringender Urgrund: Wem das All nur ein unheimlicher Ozean des Zufalls ist, der entwickelt schwerer Vertrauen in die Welt, sich und die Menschen, der ist quasi heimatlos. Mit diesen und anderen Qualitäten, die in unserem Verhältnis zum Himmel zwischen Projektion und Innerlichkeit entstehen, beschäftigte sich Wolfgang Held, bis vor kurzem Mitarbeiter der Astronomischen Sektion in seinem Vortrag.

Ausgerechnet mit Darwin eröffnete Dr. Michaela Glöckler von der medizinischen Sektion ihren Vortrag, demjenigen, der anscheinend das kosmische Prinzip „Evolution“ auf das rein irdische beschränkte. Doch das Zitat machte deutlich: frei davon ist der „höchste Teil der menschlichen Natur“ auch bei dem großen Forscher. Worauf es ankommt, will man kosmische Liebe – das Bewusstsein des umfassenden Zusammenhanges - und irdische Liebe miteinander verbinden, das war Thema der Ärztin. Sie fasste es aus theologischer, medizinischer und alltagspraktischer Sicht an. Verwandlung des Ego, so dass Wissen und Macht der Liebe dienen, sie zur Erkenntniskraft werden kann und Metamorphose zur kosmischen Liebe durch die Übung an Mensch und Natur, waren die Schritte, zu denen sie die Zuhörerinnen und Zuhörer mitnahm.

Daran schließt sich an, was in den meisten Seminaren und Arbeitsgruppen vorgestellt und anfänglich geübt wurde: ein anderer Wahrnehmungsmodus, der im Irdischen auch das Kosmische entdeckt, wie ihn z.B. Dr. Jochen Bockemühl (ehemals Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion) ausgehend von der Naturbetrachtung beschrieb. Wie man sich durch solche Disziplin im „Denkraum“ darin übt, Instrument für Gesten des Lebendigen im Nichtstofflichen zu werden, das zu erkennen, was Anthroposophen mit „ätherischer“ Gestaltung beschreiben, stellte Dorian Schmidt eindrücklich vor. Der Gärtner und Forscher entwickelte in Steiners Tradition der Erkenntniswissenschaft Schritte zur Wahrnehmung von Bildegesten, die in Pflanzen wirksam sind.

Um gleichsam horchend zu üben, wurden die Tagungsgäste jeden morgen im großen Saal von zwölf rundum verteilten Glockenschwingern eingestimmt: Zodiac- Bells, dem Tierkreis nachempfunden. Dass dennoch nicht alles mit dem Kosmos mitschwingen muss, wurde beim morgendlichen Lesen von Steiners Leitsätzen deutlich: der frei handelnde Mensch ist in gewissem Maße emanzipiert vom Kosmos.

Denn dem scheinbar unverrückbar Ewigen des Himmels stehen Unregelmäßigkeiten und autonomes „Verhalten“ der Himmelskörper gegenüber, was der Grund und das Schlupfloch für Entwicklung ist. Wolfgang Held erläuterte das in seinem Vortrag anhand der sehr charakteristischen Beziehungen in Venus, Mars und Mond zur Erde. Diesen Auftakt zu charakteristischen Qualitäten, die der Kosmos den irdischen Erscheinungen vorlebt, führte Ernst Michael Kranich weiter aus: Die Gebärden unserer planetarischen Begleiter im Pflanzenwachstum wiederfinden, damit hatte er sich Jahrzehnte beschäftigt. Und studiert man die geozentrischen Bewegungen, lassen sich tatsächlich erstaunliche Parallelen finden.

Was lässt sich davon für den Landwirt nutzbar machen? Über diese Frage habilitierte Dr. Hartmut Spieß vom Institut für Biologisch-Dynamische Forschung 1994 nach zwölfjährigen Untersuchungsreihen. Seitdem ist er gefragter Fachmann zur Wirkung vor allem des Mondes auf das Pflanzenwachstum: ausgehend von den Anregungen der Gärtnerin Maria Thun, konnte er zwar nicht deren Konstellationsmodell bestätigen, fand aber zu einem grundlegenden Verständnis der Rhythmen und der Chronobiologie im Pflanzenreich. Dass Möhren besser vor Vollmond, Kartoffeln besser vor Neumond gesät bzw. gelegt werden, diese lunaren Reaktionstypen waren neu. Auch dass die Keimschnelligkeit bei Roggen schlechte Keimfähigkeit über einen 116-Tage Merkur-Rhythmus ausgleicht und die Blütenhäufigkeit von Löwenzahn in Beziehung zur Häufigkeit der Sonnenflecken steht, sind neue Erkenntnisse, an denen bisher leider nur am Institut geforscht wurde. Der Forscher betonte speziell für die Landwirtschaft die Fruchtfolge als Rhythmusorgan, den mehrfachen gezielten Einsatz biologisch-dynamischer Präparate und die zeitliche Koordination von Maßnahmen als wesentliche Handlungsoptionen.

Die über 80jährige Botschafterin des Biologisch-Dynamischen, Maria Thun, die als junge Gärtnerin mit ihren Untersuchungen wesentlich dazu beigetragen hat, dass das „kosmische“ Element im Bewusstsein blieb, setzte den Blick auf die Handhabbarkeit kosmischer Einflüsse mit einem Beitrag fort, der auf ihre Arbeit zurückblickte und für irdische Phänomene zeitgleiche Planetenkonstellationen als Ursache postulierte.

Der meist vernachlässigten Selbstverständlichkeit, dass der Kosmos in Form der Sonne existenziell für unser Leben ist, widmete sich Dr. Manfred Klett mit der Darstellung einer vierfach differenzierten Sonnenwirkung: Licht als Grund für Form und Weisheit, Tag und Nacht als Rhythmus für Stoff und Zeit, Hervorbringung von Farben als Gestaltungskraft für Lebendiges und letztlich die Aufrichtekraft, all das kommt von unserem Zentralgestirn. Wie das mit Humus, Kalk, Kiesel und Ton in der Landwirtschaft korrespondiert, darin verbirgt sich der qualitative Auftrag für die Landwirtschaft. Und den repräsentierte zum Abschluss der weltweit erfolgreiche biologisch-dynamische Winzer Nicolas Joly. Er zeigte die besondere Beziehung der Rebe zur Sonne als Dirigenten des Wachstumsrhythmus und machte den Landwirten mit seinem Beispiel Mut, auf die Kraft biologisch-dynamischer Lebensmittel zu setzen.

Nun spielt sich eine Tagung nicht nur in Vorträgen ab: angeregt auch durch das, was in neun Seminar- und zwei Dutzend Fachgruppen passierte, ist es vor allem das Gespräch zwischendrin, das die summende Seele einer solchen Tagung ausmacht, die Zwischenzeiten: Sich treffen, austauschen, hören, wie es beim anderen auf dem Hof geht, das Thema umkreisen beim Pausenkaffee in der Wandelhalle oder beim Mittagessen in der Gemeinschaftsverpflegung: hier entstehen neue Kontakte, werden alte gepflegt, Verabredungen getroffen oder einfach nur Zusammenklang der Gemeinschaft erlebt, z.B. beim Singen oder der Eurythmie am Morgen. Rund um die Tagung davor und danach liegen zudem zahlreiche Termine der internationalen biologisch-dynamischen Arbeit: Vertreterkreis, Demeter- International e.V., die international tätigen Berater nutzen, dass viele bereits in Dornach sind.

Was nimmt man mit von der Tagung? Vor allem Mut, sich diesem Thema noch einmal zu stellen, Fragen an sich heran zu lassen, aber auch lernen, genau hinzuschauen. Der stille Dissens, der die, die nach Maria Thuns Aussaatrezepten praktizieren, von mehr pragmatischen oder mehr der Wissenschaft vertrauenden Biodynamikern trennt, wurde auch auf der Tagung nicht gekittet: Es gab seit Spieß keine neue Forschung dazu. Hier wird auch ein Manko sichtbar: Zwar gab es einige neue Ergebnisse aus der Chronobiologie, aber landbauwissenschaftlich ist das Thema unterbelichtet: Nachwuchs fehlt an dieser Stelle. Schade, denn es gibt hervorragende und verdienstvolle Vorarbeiten, von denen die Tagung erstmals seit vielen Jahren einen Querschnitt präsentierte. Und es ist frappant, wie fein auf die Erde abgestimmt unsere planetare Umgebung ist: wo sonst ist schon der Mond genausogroß wie die Sonne, wendet ihr immer das gleiche Gesicht zu, wie übrigens auch die Venus, um nur zwei von Dutzenden solcher Besonderheiten aufzuführen.

Die biologisch – dynamische Bewegung hat für ein Jahr ein Thema, das sie überall auf der Welt lokal bewegt, den eigenen Fortschritt darin sucht. Für die Biodynamiker bedeutet das auch eine Rückbesinnung auf die Methode, auf das Erlernen des ABC des Pflanzenwachstums in einer Zeit verschärften ökonomischen Drucks. Denn wie und wieweit die Aspekte der kosmischen Interdependenz sich zu einer „rationellen Landwirtschaft“, wie Steiner es formulierte, fassen lassen, ist nach wie vor eine zu bearbeitende Frage. So bestimmen denn auch das kommende Thema für 2006 Fragen nach Identität, Offenheit und Landbaukultur.