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Tagungsbericht

Die diesjährige Landwirtschaftliche Tagung vom 1.- 4. Februar 2006 setzte, um es gleich vorweg zu nehmen, einen Meilenstein in der Reihe der vielen vergangenen Tagungen. War es das Thema (Identität und Offenheit auf der Suche nach einer neuen Landwirtschaftskultur), die Stimmung, die Anzahl der Besucher (ca. 600), die Referenten, die Zeitstimmung oder das, was die Teilnehmer selber mitgebracht hatten? Im folgenden Bericht möchte ich versuchen dem Tagungsprozess etwas nachzuspüren.

Bevor die Tagung am Mittwoch um 15.00 h begann, hatte der Vertreterkreis der Sektion für Landwirtschaft das Goetheanum schon etwas „angewärmt“. Die ca. 70 Fachleute aus vielen Ländern der Welt arbeiteten am diesjährigen Michaelbrief, am Tagungsthema, hörten Berichte von verschiedenen Initiativen und versuchten bereits, das kommende Jahresthema vorzubereiten.
Je näher der Tagungsbeginn rückte, desto mehr verwandelte sich der untere Bereich des Goetheanums in ein Begegnungs-, Gesprächs-, Informations- und Kaffeezentrum. Die noch etwas verhaltene Begrüssungsstimmung änderte sich dann von Tag zu Tag mehr in eine lebhaft-laute Gesprächsbrandung.
Mit warmen Worten hiess Nikolai Fuchs (Leiter der Sektion für Landwirtschaft) die Gäste im bereits gut gefüllten grossen Saal des Goetheanums willkommen. Urs Niggli (Direktor FIBL) stellte als „offizieller“ schweizerischer Vertreter den Bezug der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und des Goetheanums zur Nordwestschweiz her. Er würdigte die langjährige und impulsgebende Vorreiteraufgabe der biologisch-dynamischen Landwirtschaftskultur in einer immer globaler agierenden Bio-Bewegung. In einer weiteren Begrüssungsrede wurde dieser weltweite Bezug durch Angela B. Caudle (Geschäftsführerin IFOAM) mit den Prinzipien von IFOAM – health / ecology / fairness / care – vertieft. Von der globalen Weite zur politischen Wirklichkeit führte Herta Däubler-Gmelin (Mitglied des deutschen Bundestages und Vorsitzende des Ausschusses für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft). Sie beeindruckte durch ihren Mut, ihre Direktheit und ihren Realitätssinn als „theoretische Pessimistin und praktische Optimistin“.
Nach dieser ersten Runde folgte ein Seminarblock. Wie jedes Jahr war es möglich, aus der grossen Anzahl von Arbeitsgruppen, Seminaren und künstlerischen Kursen ein persönliches Menü zusammenzustellen. Ein Bauer aus dem Schweizer Jura meinte dazu: „Die beste Weiterbildung!“
Ein guter Griff der Organisatoren waren die Foren „Zukunftskultur“ mit dem Thema Biologisch-dynamisch begegnet.... Permakultur, organisch-biologisch, slow-food etc. Hier war Begegnung und Austausch mit Vertretern der verschiedenen Richtungen möglich.
Die Arbeit in kleineren Gruppen stellte auch dieses Jahr ein wichtiges Element der Tagung dar. Die allgemeinen Vorträge gaben einen richtungweisenden Rahmen für den Tagungsablauf, in den Gruppen fanden Begegnungen, Gespräche und Hilfestellungen bei Fragen unter Menschen aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern und Weltgegenden statt. Solche Kontakte sind oft der Anfang für nachhaltige Arbeitsbeziehungen und persönliche Zusammenarbeit.
Im Abendvortrag stellte Aonghus Gordon (Direktor Ruskin Mill Educational Trust) anhand der Arbeit mit sozial belasteten Jugendlichen dar, wie Kultur neu von innen nach aussen geschaffen werden muss. Es geht darum, selber tätig aktiv an die Urbilder menschlicher Tätigkeit (Nahrung, Kleidung und Behausung) anzuknüpfen, daran zu gesunden und seine Identität zu finden. Aus Überschüssen entsteht dann erst Kultur – als Bild dazu die Entstehung der mittelalterlichen Kathedralen.
Der erste Tag war kein sanfter und gemächlicher Tagungsbeginn. Die Teilnehmer wurden direkt und schnörkellos in verschiedene Problemkreise hineingestellt. Das war gut.

Der zweite Tag begann mit dem Lesen des diesjährigen Leitsatzbriefes von Rudolf Steiner. Eine langjährige Tradition, die mich immer wieder durch die im Saal entstehende konzentrierte Aufmerksamkeit beeindruckte.
Manfred Klett (ehemaliger Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung am Goetheanum) stellte in seinem Vortrag den Landwirtschaftlichen Kurs als Pfingstereignis dar. Er schilderte sehr eindrücklich die Tage auf Gut Koberwitz als einen durch Rudolf Steiner gegebenen „ Strom des Geistes von unvorstellbarer Dichte, der bis in die praktische Arbeit hinein wirkte“. Uns Nachgeborenen fällt es schwer, diese alle damaligen Teilnehmer zutiefst berührende Stimmung nachzuempfinden. Wir haben heute „nur“ den gedruckten Text dieses einmaligen Impulses. Daraus entsteht die Aufgabe, „den Funken des Geistes aus der Druckerschwärze herauszuschlagen“. Die daran erarbeiteten Gedankenbilder sind dann in der täglichen Arbeit anwesend und inspirierend.
In den Abendvorträgen wurde wieder ganz praktisch-handfest von Marco Bertalot über die verschiedenen Demetria-Initiativen in Brasilien berichtet. Michael Schmid (Farmer Glencolton Farms in Kanada) schilderte eindrücklich die heftigen Auseinandersetzungen mit den kanadischen Behörden wegen seinem Rohmilchverkauf. Beide Beiträge zeigten deutlich, wie notwendig es ist, sich als ganzen Menschen und nicht nur als Fachmann in eine Aufgabe hinein zu stellen.

Am dritten Tag forderte Renate Künast (ehemalige Bundesministerin für Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Ernährung; Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen) für die Förderung der Sache „schamlos Bündnisse“ einzugehen. Diese Aufforderung zur Zusammenarbeit ist wichtig – das Wort „schamlos“ möchte ich lieber durch „vorurteilslos“ oder „vorbehaltslos“ ersetzen, da ich meine Identität nicht mit der Scham verlieren möchte.

In den Arbeitsgruppen, Foren und Seminaren zeigten sich an der Teilnehmerzahl abgelesene erste Tagungsermüdungen. Mancher hatte sich wohl mehr vorgenommen, als er schliesslich verdauen konnte. Umso schöner war es, am Abend Dimitri, den grossartigen Altmeister der Clowns zu erleben. Mit perfekter Beherrschung der Kunst von Geste und Mimik gelang es ihm, über tausend Zuschauer zu verzaubern.

Der vierte Tag führte den Blick noch einmal in eine von Mitteleuropa sehr verschiedene Welt. Rajah Bannerjee und Jakes Jayakaran berichteten anschaulich über biologisch-dynamische Initiativen in Indien. Mich beeindruckte wieder einmal, wie vielfältig, individuell und undogmatisch der biologisch-dynamische Impuls sich durch einzelne Menschen in verschiedensten Kulturen verwirklichen kann.
Ein letzter Höhepunkt war das Podiumsgespräch mit den verschiedenen Vertretern der anderen Arbeitsrichtungen aus den Foren „Biologisch-dynamisch trifft...“ In allen Berichten und Statements war deutlich zu hören: Erwartete Vorbehalte waren nicht da! Darum ist etwas in Bewegung gekommen! Diese Zusammenarbeit hat sich gelohnt! Und nun weiter so! Dass so gesprochen werden konnte, spricht deutlich für eine offene Tagungs-Stimmung. Den abschliessenden Vortrag hielt Bernward Geier (ehemaliger Generalsekretär und Auslandsdirektor IFOAM). Im persönlich gehaltenen Rückblick auf seine prägenden Begegnungen mit der biologisch-dynamischen Landbaukultur würdigte er die Wichtigkeit dieses Impulses für den weltweiten Landbau, ermutigte aber auch zu neuer Zusammenarbeit.

Ein gemeinsamer musikalischer Abschluss beendete die Tagung. Und wer wollte konnte in einer „Brasilianischen Nacht“ noch weiter feiern!

Fazit: Ist die Tagung dem gesetzten Thema „Identität und Offenheit auf der Suche nach einer neuen Landwirtschaftskultur“ gerecht geworden? Der Offenheit auf jeden Fall. Die Begegnungen waren gut und hoffentlich auch nachhaltig.


Identität entsteht durch das Tun des Einzelnen und der Gemeinschaft. Hat man sie gefunden, muss sie weitergepflegt werden. Sonst wird sie sauer. Anregungen, diesen Such- und Pflegeprozess in Gang zu halten, hat die Tagung in grossem und qualitativ hoch stehendem Mass vermittelt. Auch das ist zum Mitnehmen.
Und die Suche nach einer neuen Landbaukultur? Wir haben sie vier Tage lang gelebt und erlebt!

Als Ganzes war die Tagung sehr gut organisiert, leichtläufig und von den wesentlichen Gesichtspunkten aus ein Meilenstein, an dem sich weitere Tagungen messen dürfen. Herzlichen Dank an die Mitarbeiter der Sektion für Landwirtschaft und des Goetheanums!

Peter Lange
(Gartenbaulehrer in der Schweiz - Mitglied des Vertreterkreises der Sektion für Landwirtschaft)